Dienstag, 27. Mai 2014
Fenster zum Hof
Ganz nass bin ich noch vom Regen. Ich tropfe auf die Stelle, auf der ich stehe. Wenn ich nicht gehe, hinterlasse ich eine Pfütze. Wie ein Welpe. Ich bräuchte ein Handtuch. Ja. Ich stehe nur in der Küche und schaue durch ihr Fenster, nass wie ich bin, in den kahlen Hof. Manchmal brennt Licht gegenüber. Nicht oft. Manchmal stehe ich am Fenster und gieße den trockenen Efeu, der in einer Ampel am Messingknauf des Oberlichts hängt. Nein, nicht Knauf, Knebel heißt das wohl. Oder Wirbel? Gülden geschwungen auf Holz, das unter der abblätternden verblichenen Farbe, die einmal Weiß gewesen sein muss, dunkel und grau zum Vorschein kommt. Voller Risse und doppelt sind meine Fenster. Dazwischen ist Niemandsland. Auf halbem Weg nach draußen, in die Freiheit, liegen tote Fliegen und sind gestorben einen kleinen tragischen Tod, den niemand beweint: die Freiheit so nah wie die weißen Hochhäuser früher, wenn die S-Bahn raste, Plänterwald, Baumschulenweg. Nur nicht zu langsam, denn die Türen ließen sich öffnen, Messingtürgriffe gab's. Kraft brauchte es. Und Mut auf freier Strecke, wo nur Gärten links und rechts die Freiheit. Weiße Häuser, wohin man nie kommt. Wusste ich damals, weil sie es sagten, weil ich ein Kind war und das Leben noch lang. Eine Kurve macht die Bahn und legt sich schief wie ich manchmal den Kopf, wenn ich den treuen Efeu betrachte, der sein Leben gibt am Fenster zum Hof, weil der Topf viel zu klein ist, zu klein und beschränkt, weil er doch Luft braucht und Wasser. Zum Leben eben das, was fehlt. Auch jetzt. Manchmal. Ja. Ich bin nass und öffne das Fenster drei Stockwerke tief und grau überall. Und die Blätter sind gelb und der Topf viel zu klein. Und wenn ich gieße, dann tropft es, weil die Erde ausgelaugt, tot ist. Der Efeu am Oberlicht. Drüben brennt Licht. Ich lächle und denke, auch er ist allein. Will nicht, dass er's nicht ist. Einen Efeu sollte er haben, am Oberlicht, gießen und hersehn zu mir, von dort drüben. Und der Rotwein in meiner Hand macht mich vielleicht mutig. "À la vôtre", sollte ich rufen. Und er: "Du bist ja ganz nass ..."
Mittwoch, 21. Mai 2014
Versuchsanordnung
Mit vollen Händen zum Fenster hinein wirft der Sommertag die Schatten seiner Sonne an die Wand von Raum 311. Ein schiefes Fensterkreuz auf leuchtendem Weiß blendender Laune derer, die das Lachen lieben. Davor, in der Schwebe, tanzen Flocken, kreidestaubtrocken, Magnesiumoxid. Chemie, organisch, gefällt, Reaktion. Exotherm wie ihr Lächeln, wenn sie lächelt. Manchmal sieht sie ihn an. Die Ordnungszahlen 3 und 11 klingen wie ihr Name. Nur für ihn. Er fragt sie, ob sie mit auf die Wiese kommt, zwei Stockwerke tiefer, wenn Französisch ist, aber die Sonne doch scheint und der Tag ist wie Wiesenschaum und Buschwind, Kraut und Rosen. Sie schüttelt den Kopf. Leicht silbern ist ihr Blick, alkalimetallisch ihr Nein.
Montag, 19. Mai 2014
Durchschnittlich
Draußen im Garten steht
ein Strauch mit goldgelben Blüten. 20 oder 30 Jahre alt soll er werden. Vor 20 Jahren war ich das auch. Nicht
viel für einen Strauch, der auch ein Baum sein könnte, denke ich. Doch die
Freunde, die ihn zum Einzug schenkten, meinten, er sei anspruchslos. Ein
Geschenk ohne Ansprüche mit mittlerer Haltbarkeitsdauer. Nett. Hummeln mögen
ihn. Ich mag Hummeln. Praktisch. Im Wind machen seine Zweige Geräusche.
Die klingen wie Regen vor Fenstern. Solide. Draußen. Davor. Goldblondes Rauschen. Goldrausch.
Goldregen. Bei Sonne, wenn der Garten und mein Zimmer ganz windstill
sind, dann lehne ich mich hinaus (denn hier drinnen sitzt immer ein Wie: wie die Erinnerung an Pfeifenrauch, der sich nicht vertreiben lässt, wie Gedanken an Filme von früher, die einfach nur kommen und da sind, man den Titel nicht mehr kennt, nur noch weiß, dass Nanna, Karen, Lasse und Jørn einen Schatz finden, im finsteren Wald, und mit dem Räuber Katz und Maus spielen, in Dänemark war das,
wo die Kinder blond sind, ein Lied summen, mit Haaren wie Licht, weil Sommer ist) und zähle die Zeit, die noch bleiben soll, wenn ich ihn so lasse und einfach nur schau: Wenn es warm ist, dann knackt er -
peng-peng-hotzenplotz - und verschießt seine Samen. Körnchenförmige Verbreitungseinheiten. Publikumswirksam und meterweit bei Trockenheit. Als Windstreuer. Für Windhühner Windeier. Und ein
Körnchen Wahrheit. Im Sommer, bei
hohen Temperaturen. Da steigt die Gefahr kalkschalenfreier Eier. Bei Hühnern.
Wenn sie alt werden. Wenn man sie lässt. Der Durchschnitt ist 20. Da geht aber noch viel mehr. Sowas
weiß ich. Und das mit Nanna, Karen, Lasse und Jørn. Aber das ist egal und so lange her ...
Mittwoch, 14. Mai 2014
Keiner weiß mehr
Die Sonne scheint als Fettfleck auf Butterbrotpapier. Träge. Ich müsste einkaufen. Butter, Brot, Papier. Ich müsste arbeiten. Ich habe Hunger. Der Kühlschrank ist leer. Ich füttere nur noch Vögel. Ganzjahresfutter. Ambrosiageprüft. Kost, Logis, Unterhalt. Draußen vor dem Fenster. Ich schaue ihnen zu. Ich nenne sie Rolf Dieter und Gustl und Else. Ich warte. Auf Dämmerung, gestreutes Restlicht. Fleckenfreiheit. Spatzenaktivität während der zivilen Dämmerung (neununddreißig Minuten in Deutschland, im Durchschnitt, da ist Lesen im Freien noch möglich, ganz bürgerlich). Sie pfeifen auf die Statistik. Unterhaltung auch zur Mittagszeit. Mittag-Leffler-Funktion. Für Zufallsbewegungen. Diffusionsprozesse. Bewusstseinsströme in Spatzenhirnen. Fragezeichen. Deal ist Deal. Gekürte Pflicht. Protestantische Ethik. Zurück an die Arbeit. Zerstreut.
Donnerstag, 8. Mai 2014
Erstmainelkenvergangen
Ich stelle einen Stuhl auf die Straße. Der Himmel ist blau. Die Sonne scheint. Sommersprossenwetter. Das Leben passiert. Aus einem Schornstein, der hoch ist, lang, so lang wie die Zeit bis zum Großwerden, wenn man Kind ist, steigt Wasserdampf. Die einzige Wolke heute. Manchmal dreht der Wind, dann werfen die Wolkenfetzen Schatten. Die ziehen vorüber und knipsen das Licht auf dem Bürgersteig, auf dem mein Stuhl steht, an und aus. An und aus. Erinnerung. Ich sitze da. Das Leben passiert. Ich winke ihm zu. Ein Maireflex. Wie früher mit Nelken Tribünen mit alten Männern mit Hut, weil wir zusammen das Klassenbewusstsein der 8b demonstrieren, Treffpunkt um 8, Vinetastraße, noch Fragen?
Ihr steht zusammen, der Rest der 8b ist weit weg, versprengt, weil die U-Bahn immer voll ist am 1. Mai. Zwischen Schönhauser und Dimitroff sagt er: "Riech mal die Nelke." Du riechst die Nelke und fühlst dich dumm, weil du nur diese Nelke riechst oder so tust, weil du gar nichts sagen kannst, weil ihr doch hier zusammensteht, ganz allein in der vollen U-Bahn und du so tust, als ob du die Nelke, weil er doch zu dir gesagt hat, du sollst mal die Nelke ... Der Himmel ist blau, und die Sonne scheint durch die Fenster, und du bist die mit den Sommersprossen, die aus der vorletzten Reihe, wo die sitzen dürfen, die vernünftig sind. Wenn man vernünftig ist, hat man seine Ruhe, dann muss man zwar in den Gruppenrat, aber Schriftführer ist ok, da muss man nur das, was die anderen sagen, mitschreiben. Mitlaufen muss man. Wenn er etwas sagt, schreibst du "Thomas sagte:". Du weißt, dass ihn das ärgert. Er will Tom genannt werden, weil das wie Westen klingt. Alle sagen Tom zu ihm, du schreibst "Thomas sagte:", weil alle ihn toll finden, weil er groß ist und dunkel, so wie der aus La Boum, und du wünschst dir manchmal, dass nur du es wüsstest, dass seine Wimpern ganz lang sind und schwarz. Dann stellst du dir vor, dass er dich ansieht und du ihm dann sagst, dass du weißt, dass seine Wimpern ganz lang sind und schwarz. Und dann würde er lächeln und sagen: "So wie deine". Er würde plötzlich merken, dass deine Augen grün sind, mit kleinen braunen Sprengseln, die man hinter der Brille gar nicht sieht, nur wenn man ganz nah herankommt, was aber niemand tut. Auch er nicht. Darum schreibst du "Thomas sagte:". Du siehst ihm zu, wie er marschiert, mit der Nelke in der Hand. Im Klassenverband. Wie im Märchen, bei Grimm, wo ein Pudel die glühenden Kohlen fressen muss und die Schöne so schön ist, dass kein Maler sie schöner hätte malen können, wo steht, was dir einfällt, wenn du ihn siehst: "'Ich will heim in mein Vaterland; willst du mit mir gehen, so will ich dich ernähren.' - 'Ach', antwortete sie, 'der Weg ist so weit, und was soll ich in einem fremden Land machen, wo ich unbekannt bin.' Weil es also ihr Wille nicht recht war und sie doch voneinander nicht lassen wollten, wünschte er sie zu einer schönen Nelke und steckte sie zu sich."
Es wird kühl, ich gehe hinein. Ich bin jetzt groß, und das Leben passiert eben. Ja. So wie damals. Ich verwende jetzt Sonnencreme. Aber auf meinem Küchentisch duften Maiglöckchen. Keine Nelken mehr.
Ihr steht zusammen, der Rest der 8b ist weit weg, versprengt, weil die U-Bahn immer voll ist am 1. Mai. Zwischen Schönhauser und Dimitroff sagt er: "Riech mal die Nelke." Du riechst die Nelke und fühlst dich dumm, weil du nur diese Nelke riechst oder so tust, weil du gar nichts sagen kannst, weil ihr doch hier zusammensteht, ganz allein in der vollen U-Bahn und du so tust, als ob du die Nelke, weil er doch zu dir gesagt hat, du sollst mal die Nelke ... Der Himmel ist blau, und die Sonne scheint durch die Fenster, und du bist die mit den Sommersprossen, die aus der vorletzten Reihe, wo die sitzen dürfen, die vernünftig sind. Wenn man vernünftig ist, hat man seine Ruhe, dann muss man zwar in den Gruppenrat, aber Schriftführer ist ok, da muss man nur das, was die anderen sagen, mitschreiben. Mitlaufen muss man. Wenn er etwas sagt, schreibst du "Thomas sagte:". Du weißt, dass ihn das ärgert. Er will Tom genannt werden, weil das wie Westen klingt. Alle sagen Tom zu ihm, du schreibst "Thomas sagte:", weil alle ihn toll finden, weil er groß ist und dunkel, so wie der aus La Boum, und du wünschst dir manchmal, dass nur du es wüsstest, dass seine Wimpern ganz lang sind und schwarz. Dann stellst du dir vor, dass er dich ansieht und du ihm dann sagst, dass du weißt, dass seine Wimpern ganz lang sind und schwarz. Und dann würde er lächeln und sagen: "So wie deine". Er würde plötzlich merken, dass deine Augen grün sind, mit kleinen braunen Sprengseln, die man hinter der Brille gar nicht sieht, nur wenn man ganz nah herankommt, was aber niemand tut. Auch er nicht. Darum schreibst du "Thomas sagte:". Du siehst ihm zu, wie er marschiert, mit der Nelke in der Hand. Im Klassenverband. Wie im Märchen, bei Grimm, wo ein Pudel die glühenden Kohlen fressen muss und die Schöne so schön ist, dass kein Maler sie schöner hätte malen können, wo steht, was dir einfällt, wenn du ihn siehst: "'Ich will heim in mein Vaterland; willst du mit mir gehen, so will ich dich ernähren.' - 'Ach', antwortete sie, 'der Weg ist so weit, und was soll ich in einem fremden Land machen, wo ich unbekannt bin.' Weil es also ihr Wille nicht recht war und sie doch voneinander nicht lassen wollten, wünschte er sie zu einer schönen Nelke und steckte sie zu sich."
Es wird kühl, ich gehe hinein. Ich bin jetzt groß, und das Leben passiert eben. Ja. So wie damals. Ich verwende jetzt Sonnencreme. Aber auf meinem Küchentisch duften Maiglöckchen. Keine Nelken mehr.
Sonntag, 4. Mai 2014
Lichte Höhe
Ganz oben auf der Brücke, dort, wo es zu allen Seiten nurmehr bergab geht, steht ein Damenrad. Es lehnt sich ans Geländer. Vielleicht kam sie gestern und blieb einfach stehen. Ganz oben, dort, wo es zu allen Seiten nurmehr bergab geht. Vielleicht kam sie, weil sie wollte, dass etwas passiert, etwas Großes, weil ihr Leben so klein war bis dahin und ihr Herz viel zu groß, weil niemand darin war, für den es schlug bis zum Hals, weil jeder Tag war wie Fensterputzen, so sinnlos, wenn morgen der Regen und immer die Vögel ... Und sie glaubt, dass der Ausblick nicht lohnt. Und auch wenn sie singen, ist alles immer Stille, weil doch nie jemand fragt, nie jemand fragt. Dann stand sie da und schaute vielleicht, und die Sonne färbt sich rot wie ein Riesenrad, das steht, weil Abend ist, abendrot. Und sie sieht hinab in die Tiefe, das Wasser, das unter ihr fließt und dunkel vergeht wie die Zeit. Vielleicht kam dann jemand und bat sie um Feuer, nicht weil er raucht, sondern weil er sagen wollte, dass es schön ist, wenn man sieht, wie die Sonne den Himmel erröten lässt, riesenradrund vor dem Grau. Er sagt, er komme gerne hierher, weil man hier ganz allein ist und sieht, wie die Zeit fließt und verrinnt unten, dort, wo es tief ist, wenn man oben, ganz oben am Scheitelpunkt steht. Und vielleicht fragt er sie, ob sie das Gefühl kennt, am Morgen zu erwachen, bevor es hell ist, und man aufsteht und weiß, das Bett ist ganz leer, wenn man geht. Und dann geht er hinaus in den Morgen, auf die Brücke und sieht, wie ganz hinten der Tag ganz langsam, ganz langsam beginnt. Und er schaut in die Ferne, die näher kommt wie die Sonne, und er geht wieder heim, weil er muss, denn man muss doch zur Arbeit und sich anziehen, rasieren, weil man ordentlich ist, weil man muss. Und man weiß, dass am Abend, wenn man heimkommt, die Wohnung so leer ist wie das Bett und der Tisch, wenn man aufsteht am Morgen und geht. Sie sieht in die Ferne, und schweigend beginnen die Wolken, zum Abend zu werden, zum stehenden Riesenradrot. Sie lehnt ihr Rad ans Geländer der Brücke. Sie nimmt seine Hand. In die Ruhe nach der Stille, in der niemand gefragt hat, sagt sie einfach, ganz einfach: Komm.
Mittwoch, 30. April 2014
14109
Es gibt ein Musikzimmer. Seine Fenster gehen hinaus zum Garten: bodentief, geflügelt ... Büchmann und seine Worte ... ins Grün gehen sie und der Blick durch ihr Glas. Langsam fällt der Boden ab zum Ufer. Die Besitzer des Hauses geben acht auf ihr Leben. Die Höhe im Falle eines Falles. Hinten glitzert das Wasser des herrschaftlichen Sees tröstlich wie Katzengold, das disdodekaedrische Pyrit, das den Betrachter narrt. Hart ist es, nicht formbar. Pyrit, das Leben, der See. Ein Segelboot weht vorüber. Weiß fängt sein Segel den Wind, wie im Flug, in der Ferne, en passant. Das Boot ist schön, so schön, dass man weiß, dass darauf nur schöne Menschen ... Wahre Schönheit und das Innere, das, was zwischen den Deckeln steht und geflügelt wird. Weich wie Daunen müssen die Finger über das Elfenbein gleiten, hohes Schwarz und flach und weiß wie ein Strand, an dem man sitzt und sagt, das Leben sei schön, und einen Grashalm zwischen die Lippen nimmt und jungenhaft mit Schalk und nackten Füßen, bar, sich küsst. Der Flügel hat die Farbe des Parketts. Fremd wie ein Neuzugang in der Bibliothek, noch auf der Suche nach dem Platz, der vorbestimmt ist durch Namen und Titel, warte ich ab, was passiert.
Sonntag, 27. April 2014
Zukünftiger Kompost
Der Rasen müsste gemäht werden. Er sieht wie eine Wiese aus. Wenn man auf der Bank sitzt, kitzeln die Gräser an den Füßen. Und die Gänseblümchen stehen vasenhoch. Es nieselt. Wenn es regnet, kugeln sie sich klein und weiß. Wie kleine kluge Worte, die sich schlicht aneinanderreihen wie Perlen, erkennt ihre Schönheit nur der Aufmerksame. Barfuß im feuchten, weiß gepunkteten Grün, mit kalten Füßen, verstehe ich, was sie meinen. Ein paar für die Vase aus Meißner Porzellan, die einmal eines der Kinder erbt: Wellenspiel. Mohn und Gedächtnis sind nur Dekor, wenn wir sie zu Erben machen. Zwei scharfe Schwerter. Auf dem Grund. Oder in die Presse, wie Klee mit vier Blättern. Wenn man Glück hat. Zwischen zwei Deckel. Dicke Bücher. Kleine kluge Worte. Und kalte Füße. Heute. Aber morgen müsste wirklich mal gemäht werden ...
Mittwoch, 23. April 2014
Frieden
Von links nach rechts geht der alte Mann. Ich stehe an der Ampel und sehe ihm zu, wie er von links nach rechts die Straße quert. Langsam geht er, aber nicht gebrechlich. Er ist alt. Vielleicht 80, vielleicht stand er vor 30 Jahren in den besten Jahren oder 1960. Vielleicht, wer weiß? Wer will es wissen? Wie lange dauert eine Rotphase? 30 Sekunden? Gedanken schweifen. Kern und Koma bilden den Kopf des Kometen. Sichtbar ist nur sein Schweif. Ich hab es wohl mehr mit dem Kopf. Hat mein Sportlehrer gesagt. Hockstrecksprünge, Schlagballweitwurf oder F1, Dreierhopp, hopp-hopp-hopp trillert die silberne Pfeife. Klaus G. (Zehnkampf Rom Olympia) hat recht: Fräulein Wagner, mit Ihnen gewinnen wir keinen Krieg. 30 Jahre ändern nicht viel an ewigen Bestenlisten und ewigem Versagen beim 1000-Meter-Lauf um ein Rasenquadrat auf dem Schulhof. Vorne rechts stehen Fliedersträucher und die Betonplatten schief. Ganz helles Lila, kein weißer Flieder, der Duft zu jeder Runde ein Geschenk. Vierneunundzwanzig für eine Vier, und die Gedanken schweifen ab in helles Violett: Die Hoffnungskirche in Pankow ist einer der bedeutendsten Sakralbauten des späten Jugendstils. Man beachte die Farbgebung. Ganz außergewöhlich. Sehen Sie nur. Mondlichtfarben im Kontrast. Kircheninneres Rosé, Fliederfarben, Stuck-, Lichtgrau. Schwarze Vertikale. Farblicher Dialog. Sternenhimmel. Sterne. Kometen. Sterne. Einfach stolpern, fallen, ganz böse, so dass alle besorgt herkämen und Ohgottogott sagten und den Krankenwagen riefen und mein blutendes Knie und die blutenden Hände, Blut über Blut, ganz rot, ganz rot wird der Beton unter dem Flieder, entsetzt betrachteten, der Ohnmacht nahe, weil doch das ganze Blut, da muss doch der Hausmeister kommen und ein Unfallbericht, verunfallt, was für ein merkwürdiges Wort, und weinten und Herrn G. anklagend fragten: Warum? Aus Feigheit habe ich nie aufgegeben. Gelb für mich. Der alte Mann erreicht die rechte Seite. In seiner Linken hält er Flieder. Er sieht sich kurz um und lächelt. Wir mussten ja keinen Krieg mehr gewinnen.
Montag, 21. April 2014
Gute Gegend
Sie gießt meine Füße - platsch - und lacht leicht und ganz blond noch in ihren dritten Sommer. Gießkannennass wird der schwarze Stein unter uns, glänzend, marmorschön schillernd, spiegelglatt, sonntagsautowaschpfützensonnenölbunt. Wochenendblau ist der Himmel. Die Wolken tragen das Villenweiß noch nicht vererbten Wohlstands der Schwiegerelterngeneration. Besuchsweise. Uneinsehbar, freistehend und heckengeschützt. Eine Hummel brummt, selbstverständlich, buchsbaumrund. Noch ein Eis, Omama! Lachen. Ich schließe die Augen, lächle. Vor Glück. Alles ist fern hier und jetzt, schön und einfach, weit weg wie Berlin bis zum Fahrtvorsichtigundkommtgutnachhaus: Das eigene Leben muss erst morgen wieder beginnen.
Mittwoch, 16. April 2014
Schattenfugen
Mauerwerk ist ein schönes Wort. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Stein auf Stein. Fleißige Handwerker. Und am Ende des Tages, wenn die Sonne dem Feierabend Guten Abend sagt, steht etwas, das Schatten wirft. Wenn es dunkel wird, schalte ich die Schreibtischlampe ein, um sehen zu können, nach welcher Choreographie meine Finger tanzen. Ich türme Buchstaben aufeinander. Klack. Klack. Klack. Ganz hoch, so dass man von oben über die Mauer sehen kann. Klack. Klack. Klack. Ich glaube an Wunder und Wörter in hohen Dosen.
Sonntag, 13. April 2014
Numerus clausus
Im Garten steht ein Topf. Aus einer Kastanie wächst darin ein Baum. Die Möglichkeiten zur Entfaltung sind beschränkt. Das, was man stattlich nennt und im Park nach hundert Jahren mit einer Plakette ziert, auf der eine Zahl steht wie ein Titel am Revers als Ausdruck gezählter, vermessener Bedeutsamkeit, wird sie nie werden, die Kastanie im Topf im Garten. Der Blumentopf bewahrt vor nummeriertem Stolz. Ihr Schatten ist klein. Und doch: Darin verstreuen sich zutraulich wie Studentinnen im Proseminar zu romantischer Dichtung blaublütige Vergissmeinnicht. Naiv und schön in der Kavalierperspektive, mit versetztem Blick. Botanisch unauffällig. Vielleicht ist eine dabei, die Katharina heißt und groß wird und als blaue Blume endet. Ab und zu gieße ich. Das bin ich ihr schuldig.
Donnerstag, 10. April 2014
Aus dem Westen
Tauentzientapfer stecken die kleinen dicken Füßchen in schwarzen Lackschuhen, die dem Regen nicht trutzen können. Sie trippeln durch die Pfützenlandschaft des Bürgersteigs. Trotzig und stolz wie ein Vorurteil. Jeder Schritt sagt: Wir gehören nicht hierher. Schon aus Prinzip. Der Tag ist eine schirmlose Zumutung, ruinös wie vor 40 Jahren die Fahrt aus der großen Freiheit nach Berlin, in die Zone, den Osten, die halbe Hauptstadt eines eingebildeten Landes: Tante Anneliese war stets strikt in ihren Ansichten wie der Forderung nach einer Betonung auf dem -lie-. Wir dürfen ja frei denken. Ach ihr Armen. Zum Glück. Also ich könnte ja nicht. Hast du denn keinen edelsüßen Paprika, meine Liebe? Mit hoher Stimme steigt sie die drei Silben des Gewürzes hinauf wie die Treppe zum Triumph, um ganz oben als Fragezeichen des Vorwurfs schuldbewusst gehört in der Leere der Küche zu verhallen. Kaffeezeit. Da kann man doch mal klingeln, gell. Mutter lächelt unter Tränen, die nur ich sehe. Tränen der Freude, ach je, musst doch nicht weinen. Ihr könnt ja nichts dafür. Ach herrje, sieh sie dir nur an, Kurt, sie weint. Nein, ganz spontan, das ist eine Überraschung, gell? Konzert, aber bis Mitternacht wieder raus, Hotel, Ku'damm, natürlich, nein. Freiwillig länger will man ja nicht, gell, Kurt, haha. Glockenhelles Lachen, glockengießerwallend: Tante Anni und Onkel Kurt. Mercedes und 4711 und Glück gehabt. Bestimmt längst tot. Ich biete der Trägerin der schwarzen Schuhe meinen Schirm. Sie lächelt. Dankbar. Jetzt habe ich Glück.
Dienstag, 8. April 2014
Herbstzeitlos
Langsam, als hätte ich einen traurigen Traum geträumt und suchte noch nach der Zeit, wache ich auf. Weckerlose Müdigkeit. Schräg steigt die Sonne durch die Reihe der Häuser auf der anderen Seite der stillen Straße unter mir. Kahl wirft sie den Schatten der Dächer auf den blätterlosen Asphalt. Kaltfrontgezackt, pythagoreisch gesetzt. Die Sonne der Zwischenzeit ist klug, kühl. Sie berechnet, um zu blenden, macht sich rar wie weihnachtlicher Schnee, der ersehnt wird, und bleibt meist vermisst. Ihre sommerliche Schwester aber verschenkt sich. Sie ist ein Kind, dem alles zufällt. Sie ist schön und darf freigiebig Schönheit fordern, von denen die sie bescheint: Sonne und Strand machen glückliche Kinder blond, selbst die dunkelhaarigen. Ich kann sie hören. Die Gardine sperrt die Sonne aus, aber nicht ihr ferienleichtes, freibadfreies, julijunges Lachen. Sommersonne ist die glückliche Kindheit der anderen.
Es ist November. Der Tag beginnt mit einem S. Jetzt bin ich wach.
Es ist November. Der Tag beginnt mit einem S. Jetzt bin ich wach.
Samstag, 5. April 2014
Blattgold
Gärten in der Draufsicht. Lauter kleine Gärten, die aus dem zweiten Stock aussehen wie winzige Länder auf dem Globus einer anderen Welt. Fremd und fern wie Kolonien unter einem Mikroskop. Die Menschen in den kleinen Gärten folgen einem Rhythmus der Geselligkeit. Und kurz bevor das Jahr sich dem Ende zuneigt, harken sie die Blätter laubabwerfender Bäume und Sträucher zu brennbaren Haufen zusammen. Rituale der Ordnung. Medaillenwürdig wie der Formationsflug südwärts strebender Vögel. Herr Brehme harkt bedächtig Beet für Beet. Herr Brehme hat eine schöne Frau. Sie trägt ein fein gebundenes Tuch über den dunklen Locken. Goldene Ohrringe zieren sie. Man sagt, Frau Brehme würde sich die Nägel vor dem Unkrautjäten lackieren. Man sagt, Frau Brehme passe nicht in die kleinen Gärten in der kleinen Welt. Niemand hat je mit Frau Brehme gesprochen. Frau Brehme sieht schön aus und fremd aus der Ferne des zweiten Stocks. Der Garten der Brehmes ist vorbildlich. Geharkt. Gepflegt. Herausgeputzt zu jeder Zeit. Wenn im April die Mandeln blühen und die Blutpflaume, hat Herr Brehme viel zu tun. Weiß verschneit sind seine Beete. Frau Brehme strahlt. Doch Herr Brehme muss harken. Kleine zarte Blütenblätter. Aus dem zweiten Stock, aus der Ferne, ein vergeblicher Kampf. Herr Brehme ist tapfer. Seine Frau ist schön. Herr Brehme hat viel zu tun. Auch im Garten. Sein Leben kämpft gegen Unordnung und Gerücht. Die Sonne strebt dem Ausgang entgegen. Es ist Zeit, zu gehen.
Freitag, 4. April 2014
Unter uns Ghostwritern
Du schreibst. Schreibst und wartest. Auf Antwort. Von mir. Und die Zeilen, die du schreibst, werden Linien, die das Hier so ganz nebenbei zum Nebeneinander verdammt. Keine Kunst, parallel, nur Geometrie. Sie machen dich einsam und stumm, ohne Rat, wie der Raum und das weiße Papier, das Dazwischen, das alles weiß und alles immer für sich behält wie die große Schwester der Tat. Du wartest und fragst: Noch Fragen? Du hörst nichts, doch der Tag spielt Musik. Wohl Czernys Etüden, denn der Nachbarsjunge übt brav Klavier, vielleicht auch das Leben, das Tun, wenn er flucht. Es ist sein Spiel. Schwarz auf weiß. Du hörst zu und wartest. Schule der Geläufigkeit. Wieder, auch hier.
Donnerstag, 3. April 2014
Oberflächenspannung
Ich stehle mich davon. Ich setz mich ins Auto, tanke voll, fahre ziel- und plan-, ach einfach drauflos. Ich will gar nicht ankommen. Nur fahren. Nur weiter. Ich müsste so vieles tun, was man müsste und sollte, und wichtig wär's auch, denn wo kämen wir hin, wenn einfach jeder einfach so und überhaupt. Mein Kopf ist ganz voll, immer dieser Inhalt. Ich kann gar nicht denken. Immer dieser Inhalt in allen Köpfen. Ein einziger Widerstand. Ich will nur noch Leere und Nichts, meine Ruhe und Stille in Grün oder Blau, ein Schwimmbad, wenn alle gegangen sind, und ich sitze am Rand, dort wo es tief wird und ich gerade noch stehen kann, und das Wasser bis zum Kinn wird langsam ganz glatt, wird zum Nichts und ich selbst darin so ein bisschen wie ewig. Ganz glatt ist die Oberfläche, nichts darunter, nur Tiefe. Nur lauter Gedanken, H2O und Chlor. Untertauchen und die Stille klingt altmodisch wie ein Glöckchen über der Tür beim Hineingehen, nach Neu und Beginn und Alles-auf-Anfang, nach Auf-null-zurück-und-mal-sehn, nach Na-junges-Fräulein-was-darf-es-denn-sein-ich-empfehle-und-rate-zu. Nein. Der Tag ist schön, und ich borge ihn mir, auf Kulanz und Vertrauen, denn ich weiß, den gibt's nicht nochmal, nicht zurück. Ich fahre los, einfach weiter, ich werde schon sehen, wohin man dann kommt. Muss ich denken? Nein! Und ich denke: Doch. Ohne Widerstand gäb's keinen Toast.
Montag, 31. März 2014
Oder Glück
Jeder Abend ist ein Abend vor der Nacht, an deren Ende der Morgen graut. Unbelehrbar und immer. Vielleicht besteht das größte Glück einmal darin, seiner Tochter Zöpfe zu flechten, in denen sich die Zeiten verschlingen und die Erinnerung an die Liebe von gestern zur Hoffnung wird auf das, was wird. Aber das, was ist, ist. Vielleicht kommen wir einmal der Zeit zuvor. Dann küssen wir uns zur guten Nacht und sagen uns wider besseres Wissen der besserwissenden Klugen Alles wird gut in der Hoffnung auf das Grauen des Morgens. Oder Glück.
Freitag, 28. März 2014
Aufschwung
Frühsport ist Fraternisieren mit dem Tag, der beginnt. Abseits der Straße stellt die Natur der Unordnung den laufenden Füßen Fallen und lockt. Durch das Gebüsch, das erst anfängt zu grünen, weil der Frühling noch jung ist im März, scheint eine Müllhalde aus Tetrapaks teilentrahmter Milch ruhmlos wie Sonne durch das Wolkengeäst eines liegengebliebenen Tags, der sich nicht entschließen kann, klar zu werden im Bekenntnis zur Farbe, der als weißes Rauschen in Deckung verharrt, im Dunst, ungefähr und für sich, morgens schon vergilbt und verblichen. Es ist ihre Zeit. Sie bleibt stehen und lächelt, sie sieht und sie weiß: Das Leben liegt vor ihr. Sie muss weiter. Fort. Immerfort.
Mittwoch, 26. März 2014
Nicht mehr
Niemand weiß, dass ich dir schreibe. Nicht einmal ich. Lauter
Geschichten, von denen ich gar nichts weiß, bis ich sie lese und sehe: Alle sind
wahr und ausgedacht bis zum Ende. Und wenn ich so viele geschrieben habe, dass
es reicht und ich aufstehen kann und gehen, erzähle ich sie vielleicht sogar mir: ...
und weil es gestern nur eine Kassette gab, die kam aus dem Westen als CrO2, als die Welt noch ganz klein war wie das
Mädchen darin, kann sie heute noch singen wie Mireille Mathieu und Milva und
Gitte vor dem Jazz, ganz ehrlich, nur nicht so schön. Und die Kinder hören
mir manchmal zu und lachen, weil ich es ernst nehme, mit mir. Merci
Cherie kennen sie und wissen, so ist das Leben wegen der Liebe, ganz
einfach und wahr und zu Ende gedacht eine kleine Geschichte in einer kleinen
Form und die Erinnerung an die Musik von früher. Von mir. Nicht mehr.
Montag, 24. März 2014
Heilstätte
Der warme Wind in der Stadt am Freitag macht Kopfweh wie zu langes Denken. Der Kopf ist voll. Immer muss man denken. Immer. Man sollte in den Wald. Manchmal muss man in den Wald, das ist man ihm schuldig. Er gibt sich so viel Mühe mit der Natur. Doch ist man im Wald, heißen Großeltern plötzlich Margarete und Hans, und die Bäume beobachten und lachen, weil man die Orientierung verliert und keine Kiesel dabeihat, weil die Großeltern Hans und Margarete heißen und man immer denken muss. Und die Bäume bewegen sich und sehen immer anders aus, weil sie den Wind machen. Und man kann erst wieder aufatmen, wenn man die Autobahn hört, die wie Rettung klingt.
Donnerstag, 20. März 2014
Kunstdünger
Aber sollte ich sagen und halte doch den Mund und die Nase zu, weil ich die Veilchen nicht riechen will, die veilchenblau blühen auf hoffnungsvoll grünem Grün und nach Veilchenduft duften, und der Frühling jedes Jahr ein Plagiat ist des großen Erwachens im März. So ist das, stimmt's? Dann doch lieber den Schatten suchen, den Abend und den Herbst, wenn alles grau wird wie Katzen zu nachschlafender Zeit. Die streifen herum und lauern wie Tiger auf nichts. Gestreift wie ein abgegriffenes Bild in der Hand eines einst kleinen Kindes, das meins ist und mir nicht gehört. Buh und kusch und verschwinde. Alles längst gesagt. Sie gehen von allein. So wie Gedanken und der Frühnebel und die dauerlaufende Hoffnung und der, der recht hat, mit dem was er nicht sagt. Stimmt's?
Dienstag, 18. März 2014
Pusteblume
Bochum, mit kurzem O wie in doch. Frau Bochum ist schuld. Wegen Frau Bochum muss ich nachts auf der A24, Familienfest im Rücken, Berlin zwei Stunden voraus, wenn die Kinder hinten schlafen, weil doch morgen wieder Schule ist, und Dunst in Fetzen vom Scheinwerfer zerfahren zwischen den Wäldern hängt, immer an Sommer denken und Löwenzahn auf der Wiese hinter dem Hinterhaus, da wo die Teppichklopfstange stand, über der die abbruchreifen Balkone hingen, die wir damals immer Balkons nannten, weil doch Französisch eine kapitalistische Sprache war und wir mit einer kapitalistischen Pluralbildung auch irgendwie gebildet und systemkritisch. Die Sommer waren lang, und nichts passierte außer Kindheit. Nur manchmal fielen Putzteile, die die rostigen Träger nicht mehr trugen, einfach von den Balkons in das Gras auf der Wiese hinter dem Hinterhaus. Dann taten alle so, als merkten sie es nicht, denn das hätte man doch melden müssen. Und dann wären die Balkons doch gesperrt worden und der Blick von draußen in den Himmel, der ganz frei war und blau, weil die Bäume noch und die Kleingärten, in denen sie wuchsen, sehr klein waren, weg. Weil Sperren einfacher ging als Reparieren und Sätze wie dieser verbotener waren als die Balkon-Mehrzahl des Klassenfeinds. Manchmal verschenkte Frau Bochum Mamba aus dem Westen. Mamba schmeckte immer nach Sommer und Pusteblumen und später nie wieder so wie damals. Aber vielleicht geht es dem Mamba aus Pinneberg oder Braunschweig genauso, weil doch die Kindheit geht und irgendwann weggeblasen ist und man selbst nun groß und nur ein Seufzer bleibt, ein Ach, und man kein Mamba mehr kauft und die Kinder es gar nicht kennen, weil es ja nicht bio und veggie wirbt und überhaupt die Zahngesundheit im Grundschulalter ...
Frau Bochum war irgendwann weg. Rüber. An einem Tag im Sommer, der fortan anders schmeckte. Bei Nacht und Nebel. Das haben sie gesagt. Und Löwenzahn ist ein Unkraut. Das macht selbst Gehwege kaputt, die man dann sperrt, weil man das muss. Weil das einfacher geht als Reparieren. Frau Bochum ist schuld. Pustekuchen.
Frau Bochum war irgendwann weg. Rüber. An einem Tag im Sommer, der fortan anders schmeckte. Bei Nacht und Nebel. Das haben sie gesagt. Und Löwenzahn ist ein Unkraut. Das macht selbst Gehwege kaputt, die man dann sperrt, weil man das muss. Weil das einfacher geht als Reparieren. Frau Bochum ist schuld. Pustekuchen.
Sonntag, 16. März 2014
Zurück, Bleiben
Der Morgen macht kleine Menschen mit kleinen Augen. Sie sehen nach innen, noch in den Schlaf. Zurück, dorthin sehnen sie sich. Sie stehen am Bahnsteig, und der Wind weht die Fetzen der Station in den Tag. ...nowitzbrücke. Ganz langsam tüncht die Sonne den Tag altrosa, alexarosé, noch bevor die Türen schließen, die Nacht zurückbleibt und Vergangenheit wird, zu einem Gedanken, der Schatten wirft wie ein kunstschmiedeeiserner Zaun vor einem Garten voller Unkraut, in dem verwunschen und friedhofsschattig die Ruhe ein Grab bewohnt wie ein Zuhause mit einem Ofen am Ende des Tages, wenn es kalt wird, frisch wie es heißt, wenn nichts mehr wärmt, nicht einmal deine Worte, die der Wind in Fetzen dann in die Nacht trägt, weil doch alles gesagt ist und einmal war und nun wird: umfriedetes Erinnern.
Freitag, 14. März 2014
Klassentreffen
Heitere Hoffnungsferne wie Kirschlorbeer vor Reihenhäusern oder lauter schlechte Vorzüge, die alle verzaubern: So steht sie da. Sehr schön. Sie ist die Schönste von allen. Sie liebt den Staub, weil der sie strahlen lässt, wenn die Sonne sie trifft, wenn sie dasteht, barfuß im Sommerkleid im März im Sand, der so fein und weiß ist wie grauer Staub, der den Asphalt stumpf macht und matt wie ein seltenes Metall und auf den Blättern liegt bis zum Regen, in dessen Pfützen Öl früher bunte Schlieren gezaubert hat auf dem Weg nach Hause. Weg. So verrinnt die Zeit.
Mittwoch, 12. März 2014
Kunst
Plakate werben für Vorsorgeuntersuchungen, für die die Frauen mit Kunstledertaschen nicht mehr Zielgruppe sind. Sie tragen Pullover aus Kunstfasern in Wartezimmer und warten. Ihre Schuhe sind praktisch wie Kurzhaarschnitte ab einem gewissen Alter. Und das Leben füllt sich quadratisch wie ein Kreuzworträtsel: 6 senkrecht Polymethylmethacrylat, Wolpryla, Kunstwort DDR und knitterarm. Nichts ist echt. Nur das Warten. Das kleine Entchen und Bob, der Baumeister für unsere kleinen Patienten. Das Leben ist ein Bilderbuch, man muss gar nicht lesen können, nur schauen auf die bunte Pracht im Auge des Betrachters. Und zwischen den Seiten ein Blatt Krikelkrakelkindergartengekritzel in Bleistift und Blau. Das findet der ältere Herr beim Totschlag der Zeit. Er wendet es und lächelt. Triumphierend. Er faltet es und steckt es ein. Seine Entdeckung. Für später.
Montag, 10. März 2014
Trabanten
Die Erinnerung ist ein Begleiter, der bisweilen untreu wird, so wie an manchen Tagen, wenn das Licht beschließt, milchig zu bleiben. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch Nebel und Dunst ins Ungewisse, auf die Suche. Ich möchte mich ins Auto setzen und durch Straßen fahren, in denen ich nie gewohnt habe, die in meiner Kindheit neu waren, benannt nach Ludwig Renn oder Paul Dessau und mir bis heute fremd wie das Leben der Leute, die in den Häusern dort wohnen, sind. Die Häuser waren hoch und der Stolz der Republik. Und wenn der Himmel blau war, strahlten sie voller Verheißung auf Zukunft und das, was werden soll. Lachende Familien mit lachenden Kindern. Mein Bruder hat eine Schwester. Alles ist im Plan, und Vati baut mit. Wir sind der Stolz der Republik. Wir sagen Danke und flüchten uns in den milchigen Tag, an dem das Licht beschließt, Anisschnaps zu sein, der mit Wasser verdünnt wird, der diffus wird wie die Milch, die sich im Tee löst, alle Schnörkel verliert und das Schwarz noch Jahre später erhellt bis zum Beige der Kleidung rüstiger Rentner. In der Erinnerung war mein Leben nie grau, eher ecru oder kitt, so wie die harmlosen Automobile vor den republikstolzen Häusern. An machen Tagen erinnere ich mich daran, dass der Himmel helltaubengraublau werden kann, de luxe wie baumwollverstärktes Thermoplast. Ganz exquisit. Und nur für mich.
Freitag, 7. März 2014
Hell
Der Tag ist so schön wie das Mädchen mit dem braunen Pferdeschwanz an der Ampel, über das man einen Text schreiben müsste, der so schön ist wie der erste warme Tag im März, der ihre Haare zaust mit sanftem Wind und sie die Strähnen mit einer kleinen Geste des Jungseins aus dem Gesicht streichen lässt, bevor es grün wird und ich ihr nachblicke, wie sie die Straße hinabgeht, um einem Ziel zuzustreben, das ich auch einmal hatte, aber nicht ahnte, was es war, und ich plötzlich weiß, dass mir dieser Moment der Schönheit im Sinn bleiben wird wie ein fassungsloser edler Stein.
Mittwoch, 5. März 2014
Isobare Wahrheit
Der Mittwoch ist ein Herr im Cut. Er grüßt, schon älter, kennt die Form. Er verneigt sich, hebt den Hut. Vollendet. Nichts ist ihm fremd, er ist bewandert, er weiß und kennt. Aber wenn er lacht, hat er ein Jungengesicht. Sein Weiß wird dann Blond und das Grau leuchtet: Hochnebel unter Einfluss von Hochdruck. Darüber scheint die Sonne. Das Wetter heute ist Hinterglasmalerei. Du musst das Bild umdrehen, wenn es fertig ist.
Dienstag, 4. März 2014
Jugend heute
Die Geschichten, die du erzählst, sind kurz. Wie der Prozess, den du mit der Kindheit machst, wenn du deine Arme vorstreckst und deine Hände aussehen nach Halt. Und die Ärmel sind viel zu kurz. Ganz plötzlich. Über Nacht. Und du weißt ganz viel. Kennst die Theorie und Theorien über alles. Die Verantwortung wiegt schwer und zerrt an den Schultern wie ein Jutebeutel, auf dem Das eigene Leben steht. Da geht's lang. So geht's. Und du willst es gar nicht wissen, weil du nichts ändern kannst am Sein. Weil ja niemand zur Revolution ruft heute. Weil nur der Wecker klingelt jeden Morgen und du aufstehst und dich wach wäschst mit Kaffee, der nicht schmeckt, aber schwarz ist und stark wie die letzte Nacht und die Arme, die dich manchmal halten im Traum, bis der Wecker klingelt und du aufstehst, weil ja keine Revolution ist, sondern das Bett gemacht werden muss.
Montag, 3. März 2014
Projektion
Mit der Sonne, die langsam aufgeht, im Rücken stehen die Fenster der anderen wie abendliche Häuser. Ihre Zeit wirft Schatten, lang und schmal liegen sie vor ihnen. Allein gehört die Straße ihr und ein bisschen auch die Stadt, bevor der Tag den Dienst antritt. Los. Laufen. Rennen. Schneller. Weiter und weg. Wie Staub, der sich setzt auf das, was steht, und dann gebacken wird zu Stein, der rote Häuser baut, an denen wilder Wein sein Rot im Sommer dann vergießt wie Blut und Sonnenuntergänge schon am Morgen, bevor der Tag beginnt, kann sie nicht sein, oder ist sie auch schon grau und tot? Sieh nach vorn, sagen sie. Im Rücken die Sonne geht ihr Schatten lang und schmal voran. Allein gehört die Straße ihr, allein vor allen anderen, bevor der Tag den Dienst antritt und sie sich einschließt, bevor der Tag kommt. Und die Traurigkeit.
Freitag, 28. Februar 2014
Liedende
Das Licht ist gegeben dem Mühseligen. Drum liebt man die Nacht und ihre Sterne, die so dunkel sind und weit und weg. Die Nacht ist ein Saisonartikel. Wie die Jugend. Und ist sie gegangen, kommt ein hübscher Himmel zum Vorschein. Prosaisch in Hellblau und Weiß. Entschlössen sich seine Wölkchen, sich überreden lassen zu können, in zarter Parallelstreifenformation zu gefallen, erschien uns der Himmel über B. wie ein Baldachin über der spiegelnden See, als ein von Malwine in weiser Voraussicht mit manufactumkatalogschöner Wäsche frisch bezogenes Bett, in das wir fielen. Dann knipsten wir das Licht aus, lauschten noch ein wenig den Wellen und einem fernen Schluchzen und sagten einander brav Gute Nacht. Nett.
Donnerstag, 27. Februar 2014
Fakultativ falsch
Der Tag trägt wie ich ein "Eigentlich", das falsch ist und schmeichelt wie ein Kind mit müden Füßen, auf dem Arm. Er ist ein Trugschluss, und ich weiß es, denn er mischt seine Farbe, die sich vertraut gibt und erkannt wird als das, was sie ist, erst wenn sie verblasst und zur Auslage wird, zum fließenden Früher, wie einst postkartenschönes Orange oder Blau: dann und später. Bei Lichte betrachtet spielt der Tag nun Theater. Wie ich. Und sein Stoff ist ganz leicht, ganz schwebend, fast durchsichtig gewebt, beinah wie das Nichts aus nachtschwarzer Wolle, das gesponnen zu Tränen zum Stück wird, das uns jedes Mal rührt, weil wir feige sind und die Feigheit der Braven erkennen, die wir verachten als das "Eigentlich" unseres Tuns. Ach, lass nur. Die trocknen ruhig im Stillen, ganz von alleine im Dunkel des halbleeren Rangs. Und wär ich nicht feige, dann riefe ich Bravo, wenn sonst niemand klatscht, in die Stille als großes Hallo. Heute noch. Oder Morgen. Eigentlich. Oder doch. Vielleicht. Oder so.
Mittwoch, 26. Februar 2014
6:03
Dunkelblau endet der Schlaf. Vor dem offenen Fenster beginnt das Ende der Nacht. Der Tag wird Frühling. Er müsste sich anfühlen wie Los und Schön und Jubilieren. Wie krokusgelbes Blühen. Ach ja, in fünf Minuten. Noch einmal umdrehen. Noch müde den zwitschernden Spatzen beim Wachsein zuhören und feilschen mit der Zeit. Wie jeden Morgen mit einem schwachen Blatt. Für Frühtau fehlen hier die Berge. Trotzdem vallera.
Sonntag, 23. Februar 2014
In Unordnung
Dreiundzwanzig Kinder schauen in die Kamera. Das Wetter ist mild, sie tragen Kniestrümpfe und kurzärmelig, und die Sonne der letzten großen Ferien spiegelt sich noch auf ihren Gesichtern. Aufgestellt auf drei Stufen und lachend, denn Mathe fällt aus oder Deutsch oder Heimatkunde. Lachen und Zahnlücken und Sommersprossen oder Grimassen, wenn der Photograph sein Achtungundjetztbitteallerechtfreundlich sagt. In der zweiten Reihe steht das dicke Kind. Es lächelt. Es hätte nichts gegen Mathe gehabt oder Deutsch oder Heimatkunde, denn es hat gute Zensuren. Es grüßt immer freundlich, lässt Christian abschreiben und manchmal Andrea und petzt nicht. Es kann gut vorlesen, dann hören alle gerne zu, weil es bei Fragesätzen hinten die Stimme hebt und das mit der Betonung kann und Fremdwörter weiß wie Mesopotamien. Das stand in einem Buch, das das dicke Kind einmal gelesen hat. Sowas merkt sich das dicke Kind dann. Das dicke Kind liest viel. Wenn die anderen zum Fußball gehen oder Kassetten hören. Das dicke Kind kommt gut zurecht. Es ist vernünftig und grüßt immer freundlich, lässt abschreiben und petzt nicht. Es sagt ordentlich Danke, als die Bilder verteilt werden. Es steckt den Umschlag mit dem Bild in die Mappe, ordentlich, damit er nicht knickt. Zu Hause schließt es ordentlich die Tür zu seinem Zimmer hinter sich, holt den Umschlag mit dem Bild aus dem Hausaufgabenheft und sieht es nicht an. Es weiß, es ist das dicke Kind in der zweiten Reihe. Ordentlich schreibt es das Jahr und ebenso ordentlich die Klasse auf den Umschlag. Die blaue Tinte zerfließt, als eine Träne darauftropft, ganz unordentlich.
Samstag, 22. Februar 2014
1987
Manche Zeiten sind wie vergiftete Wörter. Sie haben einen Beigeschmack wie Kunstgewerbe. Wie 13 sein oder 14 und große Ferien und nicht wegfahren, und jeder Tag ist gleich, und niemand ist da, nur der Sommer, die Zeit und der Zwang ihrer Freiheit. Alle sagen: Freu dich doch. So gut hast du's. Das, was Jugend heißt, scheint weiter weg als der Ernst des Lebens, viel weiter noch als Wladiwostok, und Kinder müssen glücklich sein im Sommer. Sie freuen sich an sportlichen Wettkämpfen und messen ihre Kräfte im Spiel. Sport und Spiel klingen dann wie Drohungen. Geh spielen und hab Spaß, sitz doch nicht immer zu Hause. Du willst doch auch was erzählen können. Der Himmel ist blau wie Wimpel und Sommerwind. Fröhlich sein und singen vor Fröhlichkeit und Freude, jung zu sein. Auch wenn alles nicht richtig ist.
Donnerstag, 20. Februar 2014
Am Rande, bemerkt
Eine Krähe schaut mich wissend an, glaube ich. Sie kann wegfliegen. Sie bleibt. Eine Litfaßsäule rotiert, beschimpft von einem Mann, der nicht allein ist. Nie. Ich warte, und das Radio läuft und übertönt, was er sagt und die Straßen und ihren fließenden Lärm. Mitte. Er tanzt für sich ein stummes Pas des deux in Moll, ohne picardische Terz. Ohne mich. Plötzlich hört er auf, schaut konzentriert auf die Uhr, holt ein Schlüsselbund aus der Tasche seines grauen Blousons und geht davon. Ganz ruhig. Als hätte er sein Ziel und die Zeit gefunden. Die Krähe nickt vom Bürgersteig und behält es für sich. Es wird Grün. Flugzeit zu Quality time steht auf der Straßenbahn.
Mittwoch, 19. Februar 2014
Erhöhte Luftfeuchtigkeit
Die Luft ist heute wie ein seltenes Tier, das man beobachten darf. Ganz fein und mutig. Sie traut sich, wird sichtbar. Sie setzt kleine Tröpfchen ins Gesicht. Sie ist überall, wie immer, aber heute da und stets und ständig so. Sie umgibt und sagt: Ich bin hier. Dein Schirm ist albern, trau dich auch. Du wirst nicht nass. Und wenn schon. Patsch und Plitsch und Platsch und Pfütze. Leben eben. Trau dich.
Montag, 17. Februar 2014
Salon Karin
Hierher verirrt sich der Tag nur als alte Geschichte, die raschelt als rot-weißes Band: Nicht weiter ab hier. Doch komm nur, wenn du dich traust! Ausladend warten Gardinen hinter trotzigen Scheiben, die staubig mehr blind sind als Glas, auf einen stillen Tod. NOCH heißt das Wort, das über allem liegt und als Gestern zum Gruße nickt wie ein in Würde vergessender Greis. Noch ist alles da und die Birke in der Regenrinne erdenfrei dem Himmel viel näher als alles, was planvoll tatsächlich geschieht. Ihr Stamm trägt die Farben der vorletzten Zeit: zusammengesetzte Vergangenheit, die abschnittsweise Wahrheit, schwarz-weiß à la mode wie ein Herrenhaarschnitt im vergilbten Journal. Es war wohl einmal. Ob sie es weiß? Ich schreibe FRÜHLING auf das Fensterbrett, zeigefingerdick. Einfach so.
Sonntag, 16. Februar 2014
Der Mut des Dieter U.
Dieter war eine Nummer auf einem Aushang in der Musikschule. Preiswerte Stimmung. Mein Sohn spielt seit fast zehn Jahren Klavier. Seitdem stimmt Dieter. Eigentlich ist Dieter Pianist. Man kann ihn buchen. Wenn du Sonnabend Zeit hast, komm doch vorbei. Nichts Großes. Vernissage. Prenzlauer Berg. Christinenstraße. Bunte Aquarelle. Toskanasonne. Statt Seidenmalerei. Schnatternde Frauen. Dieter spielt Cembalo. Die Frauen schnattern über Kunst. Lauter schnatternde Frauen vor bunter Toskana. Dieter hört auf. Mitten im Stück. Er steht auf, fordert Gehör. Ruhe für die Kunst. Die Frauen gehen zum nächsten Bild, legen den Kopf schief und schnattern weiter. Armer Dieter.
Freitag, 14. Februar 2014
So gut wie Ade oder Ach oder Dann und Danach
Ich bin eine Frage der Zeit, doch die hält dich nicht auf in deiner Suche nach einem Wörterbuch für die Suche nach dem veraltenden Abschied. Vielleicht bist du klein, ja wirklich, du gehst wie ein kleiner Mann und wirst kleiner im Gehen, wie der Ruhm der anderen im Niedergang nach dem Sieg, ein Geograph, der keine Grenzen kennt und seine Antwort gibt auf alles. Eine Geste wie eine große schwarzseelige Fliege, die lauert und ungefragt verscheucht wird - so lästig - mit wortloser Hand. Is scho recht so. Du lachst mit den Augen und ich lächle zurück, wo ich bleibe, stehe mit wehendem Mantel, offenem Haar - theatralisch nieselnder Regen, der wie Tränen fällt und ein Vorhang zum Abspann im müden Gesicht - dir gegenüber und werde sagen: Es sind nur zwei Buchstaben, AD, ganz simpel, so einfach ist das und mehr nicht. Jetzt kannst du gehen, sag ich dann und gehe selbst. Ganz einfach und still wie Gute Nacht.
Donnerstag, 13. Februar 2014
Los
Hier passiert nicht viel. Das Leben verläuft parallel zu den Gleisen. Die dritte Gerade, die niemanden interessiert. Weil hier ja nicht viel passiert. Der Weg am Bahndamm führt immer geradeaus. Immer weiter. Hinaus. Vielleicht. Weg. Hauptsache weiter. Bald kommt kein Bahnhof mehr. Bald bin ich zu Hause und fange an.
Mittwoch, 12. Februar 2014
Im Verbund
Eine Zeitlang ist Glas Materie zwischen fest und Fluss: umkehrbares, reversibles Aggregat. Ein vierter Zustand. Vor der Tür steht schon wieder die Katze, tick-tack macht sie, wie die Zeit auf der Uhr, und schaut mit den Wolken durch die Scheiben, mir zu, wie ich sie beobachte. Wie Einschlüsse im reinen Quarz sehen sie aus, milchig, mit fettigem Glanz von Bergkristall, wenn er bricht, weil er nicht spaltbar ist, auch nicht nach 15 Jahren, muschelig. Der Tag ist ein Mittwoch, mindestens, ein Verrechnungsscheck, der nun eingelöst ist. Endlich. Nicht umkehrbar.
Dienstag, 11. Februar 2014
Morgen
Er fängt mit dem Magazin an am Donnerstag. Freitag Politik. Am Dienstag kommen Feuilleton und Chancen. Chancen immer nur kurz. Gott sei Dank. Nie Reisen. Vielleicht am Wochenende. Sie würde mit ihm zu Ikea fahren, um eine Knoblauchpresse zu kaufen oder ein Nudelsieb. Vielleicht mag er Nudeln. Zu Ikea fahren Paare mit Zukunft und Plänen. Ob er Nudeln mag? Sie sieht ihm zu, wie er liest. Sorgfältig faltet er das Papier. Gewissenhaft. Redlich. Jeden Morgen. Sie sieht ihm nach durch die zerkratzte Scheibe. Die Türen schließen. Bis zur Brücke, bis er klein wird und sich auflöst im Tag. Bis morgen.
Montag, 10. Februar 2014
Beiläufig
In den Poren des Asphalts glitzert gefrorener Tau wie ein abgegriffenes Bild, das die Erinnerung bemüht an gestern oder die Zeit danach. Ein Aggregatzustand wie verschwendetes Talent, ein blauer Tag ohne Wolken, die sich in den Pfützen spiegeln, in denen Eis Blumen und gelbe Blätter fängt. Darauf könnte ich Geschichten erzählen, sagst du, voll verschenkter Schönheit und flüchtig wie das Herz, das du beim Gehen mit links in den Raureif der Scheibe gemalt hast. Vielleicht erinnerst du dich morgen noch daran.
Sonntag, 9. Februar 2014
Februarsonntag, an dem die Sonne scheint, es nach Frühling riecht und ich augenblicklich aufstehen und meine Sonnenbrille suchen muss
Der Morgen glänzt und schimmert. Althochdeutsch für Blau, das Schornsteine und Regenrinnen leuchten lässt wie die Fenster der Häuser am See. Er sendet Wellenlängen im Intervall zwischen 460 und 480 nm, die in der Nase kitzeln, wenn man nach draußen sieht auf die Straße. Noch schlafen alle. Der Tag ist wach und wie ein Kleid, das zu schön ist, um nicht ausgeführt zu werden. Wie ich. Die weißen Häuser gegenüber, in denen Menschen wohnen, die ich nicht mag, tragen die Konturen noch kahler Bäume auf nackter Haut. Die Sonne seziert mit kühler Grazie und zaubert Scherenschnitte. Voller Ironie und so schön, dass ich ihr verzeihe. Man muss die Augen fast schließen, um zu sehen. Kopf hoch und Augen zu und los. Ganz einfach ist alles! Doch!
Donnerstag, 6. Februar 2014
Vorstellung
NR ist die Abkürzung. Doch, das musste mit reinschreiben. Und irgendwas mit kreativ und unabhängig und selbstbewusst. Aber bloß nicht starke Frau, das klingt wie Übergröße und verzweifelt. Ja, mach ich, nee, alles ok. Mir geht's gut, wirklich. Ja, ich ruf dich wieder an. Versprochen. Ich lege auf. Sie meint's ja nur gut. Gelegentlich überredet sie mich zum Ausgehen. Sie hat ja recht. Hat ja auch Vorteile. Ich nehme dann immer eins von den Streichholzheftchen mit, die auf dem Tresen stehen. Manchmal finde ich die in meiner Jackentasche, und dann komme ich mir vor, als führte ich ein wildes, verwegenes, ruchloses Leben. Im Winter, wenn man muss, zünde ich Kerzen damit an. Nicht oft. Aber weil ich auch nicht oft ausgehe, halten sich Verbrauch und Nachschub die Waage. Würde ich rauchen, müsste ich öfter ausgehen. Weil ich gar kein Feuerzeug besitze. Vielleicht sollte ich anfangen. Ich könnte beim Schreiben versonnen dem Rauch hinterherblicken und mir vorstellen, du würdest mich ansehen, wie ich versonnen dem Rauch hinterherblicke, und du würdest mich ansprechen, um Feuer bitten, obwohl auf dem Tresen Streichholzheftchen stehen, und schön finden und talentiert, weil ich so treffend die Farbe des Rauchs beschreiben kann, der aufsteigt und dem ich versonnen nachblicke und dabei eine treffende Beschreibung seiner Farbe suche. Beiläufig würde ich erwähnen, dass er mich an die Dächer von Paris erinnert, großstädtisch grau, durchzecht, ein Zettel mit einer unleserlichen Nummer als Trophäe, wenn die Bahn wieder fährt. Morgens. Ich war nie in Paris. Aber so muss es sein. Das weiß man doch, nicht wahr? Rauchen tötet. Das Leben auch.
Mittwoch, 5. Februar 2014
Freundliche Mühewaltung
In meinem Auto leuchtet eine kleine rote Schneeflocke von minus zwei bis plus zwei Grad Celsius: Obacht, ich könnte fallen, weiß und unschuldig, aber ich bin nicht von Dauer, bin flüchtig. Ich bin eine dünne Eisschicht. Ich trag dich nicht, du kannst nur schauen. Ein fragiles Schauspiel, das man am besten von Brücken betrachtet. Ein wenig von oben herab. Das ist vorbei jetzt. Auf der Spree schwimmen die letzten Reste Eis. Sie sehen aus wie prosalose Plastiktüten. Dazwischen Wellen. Nichts trägt. Das weiß ich jetzt auch.
Dienstag, 4. Februar 2014
Vis centrifuga
Ich kaufe eine Karte fürs Kettenkarussell. Ich klettre auf den Turm ohne Leiter und dreh mich wie die Welt um dich. Ganz schnell und hoch und Augen zu. Und unter mir nur das Blau zu deinen Füßen. Immerhöherhöchste Zeit. Wenn du fragst, sag ich Ja, ruf ich, und du lachst, als ich lande. Ich wache auf. In meinem Haar klebt Zuckerwatte.
Montag, 3. Februar 2014
Mehr bitte
Ich schaue dem schlafenden Kind mit den müden Augen zu, die blau sind und strahlen, selbst jetzt. Unter der Decke liegen wir wie unter dem grauen tauenden Februarschnee, der das Gras nur noch halb verdecken kann, der bestaunt wurde, als er neu war und da und unberührt und leicht und fein gefallen gefiel. Wie vom Himmel. Heiter. Gefeiert wie Berlinale-Filme, die im Sommer niemand mehr kennt. Einmal Überschwang und roter Teppich und goldener Vorhang und Schlange stehen nach Billets, die du später im Wintermantel findest und dich kaum erinnern kannst, wofür. Eine unbestimmte Erinnerung an ein vages Gefühl. An Glück. Das bleibt.
Sonntag, 2. Februar 2014
quod erat expectandum
tja, was soll man dazu sagen
war ja wohl keine Überraschung
musste ja so kommen
wussten doch alle
war ja klar
sah man doch gleich
sah man kommen
Mensch, nun hab dich nicht so
das Leben geht doch weiter
da musste doch nicht weinen
is doch nich so schlimm
nun reiß dich mal zusammen
bist doch schon groß
haste denn kein Taschentuch
hier, nun putz dir die Nase und geh spielen
lass dich doch nicht so gehn
bist doch noch jung
musst mal unter Leute
kannst dich doch nicht ewig verkriechen
naja, dann eben nicht
schade drum
versucht hamwas zumindest
komm
war ja wohl keine Überraschung
musste ja so kommen
wussten doch alle
war ja klar
sah man doch gleich
sah man kommen
Mensch, nun hab dich nicht so
das Leben geht doch weiter
da musste doch nicht weinen
is doch nich so schlimm
nun reiß dich mal zusammen
bist doch schon groß
haste denn kein Taschentuch
hier, nun putz dir die Nase und geh spielen
lass dich doch nicht so gehn
bist doch noch jung
musst mal unter Leute
kannst dich doch nicht ewig verkriechen
naja, dann eben nicht
schade drum
versucht hamwas zumindest
komm
Freitag, 31. Januar 2014
Kommode
Manchmal öffne ich die Schublade. Ganz hinten in der Ecke unter anderen Gedanken liegt ein schöner. Er hat einen weißen gezackten Rand wie alte Bilder in falschen Formaten zwischen Seiten aus hellgelber Pappe, die Spinnennetz-Pergamentpapier trennt. Manchmal hole ich ihn hervor, betrachte ihn, als wäre er ein Tier in einem Terrarium, vertraut nur mit mir, an mich gewöhnt aus Beständigkeit, das ankommt, wenn ich vor der Scheibe stehe und sachte klopfe. Der Gedanke ist nicht groß, vielleicht wie ein Herz, das Platz hat für mich. Von dort schreibe ich Ansichtskarten und stelle mir vor, dass du zum Briefkasten gehst, den Schlüssel umdrehst und die Augen schließt, weil du plötzlich Angst hast, er könnte leer sein, wie du dir Mut zuredest und Ausreden und Entschuldigungen erfindest für die Leere, die du fürchtest. Das denke ich dann in meinem Gedanken. Vorsichtig falte ich ihn wieder zusammen, stecke ihn in seinen Umschlag und lege ihn zurück, ganz hinten in die Ecke.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Cha-Cha-Cha
Bis zum ersten Stock rankt Efeu. Nun muss die Sonne die Lücken suchen, will sie durchs Fenster, um Streifen zu zeichnen im Zimmer dahinter auf dem Parkett im Halbschatten helllichter Tage. Da bin ich gern, im Halben irgendwie ganz. Als würde ich unter der Chaiselongue liegen bei einem Tanztee und die Füße der anderen bei ihren Gedanken belauschen, im Zwielicht, bei Chassé auf 4 und 1. Efeu ist ein altruistisches Gewächs. Aber das weißt du ja.
Mittwoch, 29. Januar 2014
Oxidationsprozesse
Ich habe eine alte Sorte erwischt. Mit Stellen. Die Schale kommt ab. Schuldbewusst, jaja, ich weiß das mit den Vitaminen. Trotzdem. Ich bin auf der Suche nach der Kindheit. Apfelstückchen in Plastiktüten schmecken danach, nach Freibad, Hofpause mit Ausgang um das Rasenquadrat, nach Wandertagen in Zweierreihen und Zugfahrten nach Leipzig, zu Tante Luzi und Onkel Hellmuth mit der bangen Frage, wann fahren wir wieder nach Hause. Später nach Abiturklausuren, nach unglücklicher Liebe, Allgemeinbildung, Kabale und Schiller im Schreibtisch. Äpfelsäure ist eine chemische Verbindung aus den Gruppen der Dicarbonsäuren und Hydroxycarbonsäuren. Der Duden kennt sie nicht. Ich sitze im Bett mit einem Obstteller für das Kind und einem Buch mit Bauernhoftieren, die Kinder lieben, obwohl nur aus Büchern. Sie pickt die Mandarinchen wie Rosinen, ich die nackten Äpfel. Erinnern heißt auswählen. Sagt Grass. Das Leben ist wie Literatur, die darauf wartet, geschrieben zu werden, bevor es braun und mehlig und weich wird von der Zeit.
Bald bin ich so alt wie Dungeons & Dragons.
Bald bin ich so alt wie Dungeons & Dragons.
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