Mittwoch, 23. April 2014

Frieden

Von links nach rechts geht der alte Mann. Ich stehe an der Ampel und sehe ihm zu, wie er von links nach rechts die Straße quert. Langsam geht er, aber nicht gebrechlich. Er ist alt. Vielleicht 80, vielleicht stand er vor 30 Jahren in den besten Jahren oder 1960. Vielleicht, wer weiß? Wer will es wissen? Wie lange dauert eine Rotphase? 30 Sekunden? Gedanken schweifen. Kern und Koma bilden den Kopf des Kometen. Sichtbar ist nur sein Schweif. Ich hab es wohl mehr mit dem Kopf. Hat mein Sportlehrer gesagt. Hockstrecksprünge, Schlagballweitwurf oder F1, Dreierhopp, hopp-hopp-hopp trillert die silberne Pfeife. Klaus G. (Zehnkampf Rom Olympia) hat recht: Fräulein Wagner, mit Ihnen gewinnen wir keinen Krieg. 30 Jahre ändern nicht viel an ewigen Bestenlisten und ewigem Versagen beim 1000-Meter-Lauf um ein Rasenquadrat auf dem Schulhof. Vorne rechts stehen Fliedersträucher und die Betonplatten schief. Ganz helles Lila, kein weißer Flieder, der Duft zu jeder Runde ein Geschenk. Vierneunundzwanzig für eine Vier, und die Gedanken schweifen ab in helles Violett: Die Hoffnungskirche in Pankow ist einer der bedeutendsten Sakralbauten des späten Jugendstils. Man beachte die Farbgebung. Ganz außergewöhlich. Sehen Sie nur. Mondlichtfarben im Kontrast. Kircheninneres Rosé, Fliederfarben, Stuck-, Lichtgrau. Schwarze Vertikale. Farblicher Dialog. Sternenhimmel. Sterne. Kometen. Sterne. Einfach stolpern, fallen, ganz böse, so dass alle besorgt herkämen und Ohgottogott sagten und den Krankenwagen riefen und mein blutendes Knie und die blutenden Hände, Blut über Blut, ganz rot, ganz rot wird der Beton unter dem Flieder, entsetzt betrachteten, der Ohnmacht nahe, weil doch das ganze Blut, da muss doch der Hausmeister kommen und ein Unfallbericht, verunfallt, was für ein merkwürdiges Wort, und weinten und Herrn G. anklagend fragten: Warum? Aus Feigheit habe ich nie aufgegeben. Gelb für mich. Der alte Mann erreicht die rechte Seite. In seiner Linken hält er Flieder. Er sieht sich kurz um und lächelt. Wir mussten ja keinen Krieg mehr gewinnen.

Montag, 21. April 2014

Gute Gegend

Sie gießt meine Füße - platsch - und lacht leicht und ganz blond noch in ihren dritten Sommer. Gießkannennass wird der schwarze Stein unter uns, glänzend, marmorschön schillernd, spiegelglatt, sonntagsautowaschpfützensonnenölbunt. Wochenendblau ist der Himmel. Die Wolken tragen das Villenweiß noch nicht vererbten Wohlstands der Schwiegerelterngeneration. Besuchsweise. Uneinsehbar, freistehend und heckengeschützt. Eine Hummel brummt, selbstverständlich, buchsbaumrund. Noch ein Eis, Omama! Lachen. Ich schließe die Augen, lächle. Vor Glück. Alles ist fern hier und jetzt, schön und einfach, weit weg wie Berlin bis zum Fahrtvorsichtigundkommtgutnachhaus: Das eigene Leben muss erst morgen wieder beginnen. 

Mittwoch, 16. April 2014

Schattenfugen

Mauerwerk ist ein schönes Wort. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Stein auf Stein. Fleißige Handwerker. Und am Ende des Tages, wenn die Sonne dem Feierabend Guten Abend sagt, steht etwas, das Schatten wirft. Wenn es dunkel wird, schalte ich die Schreibtischlampe ein, um sehen zu können, nach welcher Choreographie meine Finger tanzen. Ich türme Buchstaben aufeinander. Klack. Klack. Klack. Ganz hoch, so dass man von oben über die Mauer sehen kann. Klack. Klack. Klack. Ich glaube an Wunder und Wörter in hohen Dosen.

Sonntag, 13. April 2014

Numerus clausus

Im Garten steht ein Topf. Aus einer Kastanie wächst darin ein Baum. Die Möglichkeiten zur Entfaltung sind beschränkt. Das, was man stattlich nennt und im Park nach hundert Jahren mit einer Plakette ziert, auf der eine Zahl steht wie ein Titel am Revers als Ausdruck gezählter, vermessener Bedeutsamkeit, wird sie nie werden, die Kastanie im Topf im Garten. Der Blumentopf bewahrt vor nummeriertem Stolz. Ihr Schatten ist klein. Und doch: Darin verstreuen sich zutraulich wie Studentinnen im Proseminar zu romantischer Dichtung blaublütige Vergissmeinnicht. Naiv und schön in der Kavalierperspektive, mit versetztem Blick. Botanisch unauffällig. Vielleicht ist eine dabei, die Katharina heißt und groß wird und als blaue Blume endet. Ab und zu gieße ich. Das bin ich ihr schuldig.

Donnerstag, 10. April 2014

Aus dem Westen

Tauentzientapfer stecken die kleinen dicken Füßchen in schwarzen Lackschuhen, die dem Regen nicht trutzen können. Sie trippeln durch die Pfützenlandschaft des Bürgersteigs. Trotzig und stolz wie ein Vorurteil. Jeder Schritt sagt: Wir gehören nicht hierher. Schon aus Prinzip. Der Tag ist eine schirmlose Zumutung, ruinös wie vor 40 Jahren die Fahrt aus der großen Freiheit nach Berlin, in die Zone, den Osten, die halbe Hauptstadt eines eingebildeten Landes: Tante Anneliese war stets strikt in ihren Ansichten wie der Forderung nach einer Betonung auf dem -lie-. Wir dürfen ja frei denken. Ach ihr Armen. Zum Glück. Also ich könnte ja nicht. Hast du denn keinen edelsüßen Paprika, meine Liebe? Mit hoher Stimme steigt sie die drei Silben des Gewürzes hinauf wie die Treppe zum Triumph, um ganz oben als Fragezeichen des Vorwurfs schuldbewusst gehört in der Leere der Küche zu verhallen. Kaffeezeit. Da kann man doch mal klingeln, gell. Mutter lächelt unter Tränen, die nur ich sehe. Tränen der Freude, ach je, musst doch nicht weinen. Ihr könnt ja nichts dafür. Ach herrje, sieh sie dir nur an, Kurt, sie weint. Nein, ganz spontan, das ist eine Überraschung, gell? Konzert, aber bis Mitternacht wieder raus, Hotel, Ku'damm, natürlich, nein. Freiwillig länger will man ja nicht, gell, Kurt, haha. Glockenhelles Lachen, glockengießerwallend: Tante Anni und Onkel Kurt. Mercedes und 4711 und Glück gehabt. Bestimmt längst tot. Ich biete der Trägerin der schwarzen Schuhe meinen Schirm. Sie lächelt. Dankbar. Jetzt habe ich Glück.

Dienstag, 8. April 2014

Herbstzeitlos

Langsam, als hätte ich einen traurigen Traum geträumt und suchte noch nach der Zeit, wache ich auf. Weckerlose Müdigkeit. Schräg steigt die Sonne durch die Reihe der Häuser auf der anderen Seite der stillen Straße unter mir. Kahl wirft sie den Schatten der Dächer auf den blätterlosen Asphalt. Kaltfrontgezackt, pythagoreisch gesetzt. Die Sonne der Zwischenzeit ist klug, kühl. Sie berechnet, um zu blenden, macht sich rar wie weihnachtlicher Schnee, der ersehnt wird, und bleibt meist vermisst. Ihre sommerliche Schwester aber verschenkt sich. Sie ist ein Kind, dem alles zufällt. Sie ist schön und darf freigiebig Schönheit fordern, von denen die sie bescheint: Sonne und Strand machen glückliche Kinder blond, selbst die dunkelhaarigen. Ich kann sie hören. Die Gardine sperrt die Sonne aus, aber nicht ihr ferienleichtes, freibadfreies, julijunges Lachen. Sommersonne ist die glückliche Kindheit der anderen. 
Es ist November. Der Tag beginnt mit einem S. Jetzt bin ich wach.  

Samstag, 5. April 2014

Blattgold

Gärten in der Draufsicht. Lauter kleine Gärten, die aus dem zweiten Stock aussehen wie winzige Länder auf dem Globus einer anderen Welt. Fremd und fern wie Kolonien unter einem Mikroskop. Die Menschen in den kleinen Gärten folgen einem Rhythmus der Geselligkeit. Und kurz bevor das Jahr sich dem Ende zuneigt, harken sie die Blätter laubabwerfender Bäume und Sträucher zu brennbaren Haufen zusammen. Rituale der Ordnung. Medaillenwürdig wie der Formationsflug südwärts strebender Vögel. Herr Brehme harkt bedächtig Beet für Beet. Herr Brehme hat eine schöne Frau. Sie trägt ein fein gebundenes Tuch über den dunklen Locken. Goldene Ohrringe zieren sie. Man sagt, Frau Brehme würde sich die Nägel vor dem Unkrautjäten lackieren. Man sagt, Frau Brehme passe nicht in die kleinen Gärten in der kleinen Welt. Niemand hat je mit Frau Brehme gesprochen. Frau Brehme sieht schön aus und fremd aus der Ferne des zweiten Stocks. Der Garten der Brehmes ist vorbildlich. Geharkt. Gepflegt. Herausgeputzt zu jeder Zeit. Wenn im April die Mandeln blühen und die Blutpflaume, hat Herr Brehme viel zu tun. Weiß verschneit sind seine Beete. Frau Brehme strahlt. Doch Herr Brehme muss harken. Kleine zarte Blütenblätter. Aus dem zweiten Stock, aus der Ferne, ein vergeblicher Kampf. Herr Brehme ist tapfer. Seine Frau ist schön. Herr Brehme hat viel zu tun. Auch im Garten. Sein Leben kämpft gegen Unordnung und Gerücht. Die Sonne strebt dem Ausgang entgegen. Es ist Zeit, zu gehen. 

Freitag, 4. April 2014

Unter uns Ghostwritern

Du schreibst. Schreibst und wartest. Auf Antwort. Von mir. Und die Zeilen, die du schreibst, werden Linien, die das Hier so ganz nebenbei zum Nebeneinander verdammt. Keine Kunst, parallel, nur Geometrie. Sie machen dich einsam und stumm, ohne Rat, wie der Raum und das weiße Papier, das Dazwischen, das alles weiß und alles immer für sich behält wie die große Schwester der Tat. Du wartest und fragst: Noch Fragen? Du hörst nichts, doch der Tag spielt Musik. Wohl Czernys Etüden, denn der Nachbarsjunge übt brav Klavier, vielleicht auch das Leben, das Tun, wenn er flucht. Es ist sein Spiel. Schwarz auf weiß. Du hörst zu und wartest. Schule der Geläufigkeit. Wieder, auch hier.

Donnerstag, 3. April 2014

Oberflächenspannung

Ich stehle mich davon. Ich setz mich ins Auto, tanke voll, fahre ziel- und plan-, ach einfach drauflos. Ich will gar nicht ankommen. Nur fahren. Nur weiter. Ich müsste so vieles tun, was man müsste und sollte, und wichtig wär's auch, denn wo kämen wir hin, wenn einfach jeder einfach so und überhaupt. Mein Kopf ist ganz voll, immer dieser Inhalt. Ich kann gar nicht denken. Immer dieser Inhalt in allen Köpfen. Ein einziger Widerstand. Ich will nur noch Leere und Nichts, meine Ruhe und Stille in Grün oder Blau, ein Schwimmbad, wenn alle gegangen sind, und ich sitze am Rand, dort wo es tief wird und ich gerade noch stehen kann, und das Wasser bis zum Kinn wird langsam ganz glatt, wird zum Nichts und ich selbst darin so ein bisschen wie ewig. Ganz glatt ist die Oberfläche, nichts darunter, nur Tiefe. Nur lauter Gedanken, H2O und Chlor. Untertauchen und die Stille klingt altmodisch wie ein Glöckchen über der Tür beim Hineingehen, nach Neu und Beginn und Alles-auf-Anfang, nach Auf-null-zurück-und-mal-sehn, nach Na-junges-Fräulein-was-darf-es-denn-sein-ich-empfehle-und-rate-zu. Nein. Der Tag ist schön, und ich borge ihn mir, auf Kulanz und Vertrauen, denn ich weiß, den gibt's nicht nochmal, nicht zurück. Ich fahre los, einfach weiter, ich werde schon sehen, wohin man dann kommt. Muss ich denken? Nein! Und ich denke: Doch. Ohne Widerstand gäb's keinen Toast. 

Montag, 31. März 2014

Oder Glück

Jeder Abend ist ein Abend vor der Nacht, an deren Ende der Morgen graut. Unbelehrbar und immer. Vielleicht besteht das größte Glück einmal darin, seiner Tochter Zöpfe zu flechten, in denen sich die Zeiten verschlingen und die Erinnerung an die Liebe von gestern zur Hoffnung wird auf das, was wird. Aber das, was ist, ist. Vielleicht kommen wir einmal der Zeit zuvor. Dann küssen wir uns zur guten Nacht und sagen uns wider besseres Wissen der besserwissenden Klugen Alles wird gut in der Hoffnung auf das Grauen des Morgens. Oder Glück.

Freitag, 28. März 2014

Aufschwung

Frühsport ist Fraternisieren mit dem Tag, der beginnt. Abseits der Straße stellt die Natur der Unordnung den laufenden Füßen Fallen und lockt. Durch das Gebüsch, das erst anfängt zu grünen, weil der Frühling noch jung ist im März, scheint eine Müllhalde aus Tetrapaks teilentrahmter Milch ruhmlos wie Sonne durch das Wolkengeäst eines liegengebliebenen Tags, der sich nicht entschließen kann, klar zu werden im Bekenntnis zur Farbe, der als weißes Rauschen in Deckung verharrt, im Dunst, ungefähr und für sich, morgens schon vergilbt und verblichen. Es ist ihre Zeit. Sie bleibt stehen und lächelt, sie sieht und sie weiß: Das Leben liegt vor ihr. Sie muss weiter. Fort. Immerfort.

Mittwoch, 26. März 2014

Nicht mehr


Niemand weiß, dass ich dir schreibe. Nicht einmal ich. Lauter Geschichten, von denen ich gar nichts weiß, bis ich sie lese und sehe: Alle sind wahr und ausgedacht bis zum Ende. Und wenn ich so viele geschrieben habe, dass es reicht und ich aufstehen kann und gehen, erzähle ich sie vielleicht sogar mir: ... und weil es gestern nur eine Kassette gab, die kam aus dem Westen als CrO2, als die Welt noch ganz klein war wie das Mädchen darin, kann sie heute noch singen wie Mireille Mathieu und Milva und Gitte vor dem Jazz, ganz ehrlich, nur nicht so schön. Und die Kinder hören mir manchmal zu und lachen, weil ich es ernst nehme, mit mir. Merci Cherie kennen sie und wissen, so ist das Leben wegen der Liebe, ganz einfach und wahr und zu Ende gedacht eine kleine Geschichte in einer kleinen Form und die Erinnerung an die Musik von früher. Von mir. Nicht mehr.

Montag, 24. März 2014

Heilstätte

Der warme Wind in der Stadt am Freitag macht Kopfweh wie zu langes Denken. Der Kopf ist voll. Immer muss man denken. Immer. Man sollte in den Wald. Manchmal muss man in den Wald, das ist man ihm schuldig. Er gibt sich so viel Mühe mit der Natur. Doch ist man im Wald, heißen Großeltern plötzlich Margarete und Hans, und die Bäume beobachten und lachen, weil man die Orientierung verliert und keine Kiesel dabeihat, weil die Großeltern Hans und Margarete heißen und man immer denken muss. Und die Bäume bewegen sich und sehen immer anders aus, weil sie den Wind machen. Und man kann erst wieder aufatmen, wenn man die Autobahn hört, die wie Rettung klingt. 

Donnerstag, 20. März 2014

Kunstdünger

Aber sollte ich sagen und halte doch den Mund und die Nase zu, weil ich die Veilchen nicht riechen will, die veilchenblau blühen auf hoffnungsvoll grünem Grün und nach Veilchenduft duften, und der Frühling jedes Jahr ein Plagiat ist des großen Erwachens im März. So ist das, stimmt's? Dann doch lieber den Schatten suchen, den Abend und den Herbst, wenn alles grau wird wie Katzen zu nachschlafender Zeit. Die streifen herum und lauern wie Tiger auf nichts. Gestreift wie ein abgegriffenes Bild in der Hand eines einst kleinen Kindes, das meins ist und mir nicht gehört. Buh und kusch und verschwinde. Alles längst gesagt. Sie gehen von allein. So wie Gedanken und der Frühnebel und die dauerlaufende Hoffnung und der, der recht hat, mit dem was er nicht sagt. Stimmt's?

Dienstag, 18. März 2014

Pusteblume

Bochum, mit kurzem O wie in doch. Frau Bochum ist schuld. Wegen Frau Bochum muss ich nachts auf der A24, Familienfest im Rücken, Berlin zwei Stunden voraus, wenn die Kinder hinten schlafen, weil doch morgen wieder Schule ist, und Dunst in Fetzen vom Scheinwerfer zerfahren zwischen den Wäldern hängt, immer an Sommer denken und Löwenzahn auf der Wiese hinter dem Hinterhaus, da wo die Teppichklopfstange stand, über der die abbruchreifen Balkone hingen, die wir damals immer Balkons nannten, weil doch Französisch eine kapitalistische Sprache war und wir mit einer kapitalistischen Pluralbildung auch irgendwie gebildet und systemkritisch. Die Sommer waren lang, und nichts passierte außer Kindheit. Nur manchmal fielen Putzteile, die die rostigen Träger nicht mehr trugen, einfach von den Balkons in das Gras auf der Wiese hinter dem Hinterhaus. Dann taten alle so, als merkten sie es nicht, denn das hätte man doch melden müssen. Und dann wären die Balkons doch gesperrt worden und der Blick von draußen in den Himmel, der ganz frei war und blau, weil die Bäume noch und die Kleingärten, in denen sie wuchsen, sehr klein waren, weg. Weil Sperren einfacher ging als Reparieren und Sätze wie dieser verbotener waren als die Balkon-Mehrzahl des Klassenfeinds. Manchmal verschenkte Frau Bochum Mamba aus dem Westen. Mamba schmeckte immer nach Sommer und Pusteblumen und später nie wieder so wie damals. Aber vielleicht geht es dem Mamba aus Pinneberg oder Braunschweig genauso, weil doch die Kindheit geht und irgendwann weggeblasen ist und man selbst nun groß und nur ein Seufzer bleibt, ein Ach, und man kein Mamba mehr kauft und die Kinder es gar nicht kennen, weil es ja nicht bio und veggie wirbt und überhaupt die Zahngesundheit im Grundschulalter ... 
Frau Bochum war irgendwann weg. Rüber. An einem Tag im Sommer, der fortan anders schmeckte. Bei Nacht und Nebel. Das haben sie gesagt. Und Löwenzahn ist ein Unkraut. Das macht selbst Gehwege kaputt, die man dann sperrt, weil man das muss. Weil das einfacher geht als Reparieren. Frau Bochum ist schuld. Pustekuchen.

Sonntag, 16. März 2014

Zurück, Bleiben

Der Morgen macht kleine Menschen mit kleinen Augen. Sie sehen nach innen, noch in den Schlaf. Zurück, dorthin sehnen sie sich. Sie stehen am Bahnsteig, und der Wind weht die Fetzen der Station in den Tag. ...nowitzbrücke. Ganz langsam tüncht die Sonne den Tag altrosa, alexarosé, noch bevor die Türen schließen, die Nacht zurückbleibt und Vergangenheit wird, zu einem Gedanken, der Schatten wirft wie ein kunstschmiedeeiserner Zaun vor einem Garten voller Unkraut, in dem verwunschen und friedhofsschattig die Ruhe ein Grab bewohnt wie ein Zuhause mit einem Ofen am Ende des Tages, wenn es kalt wird, frisch wie es heißt, wenn nichts mehr wärmt, nicht einmal deine Worte, die der Wind in Fetzen dann in die Nacht trägt, weil doch alles gesagt ist und einmal war und nun wird: umfriedetes Erinnern.

Freitag, 14. März 2014

Klassentreffen

Heitere Hoffnungsferne wie Kirschlorbeer vor Reihenhäusern oder lauter schlechte Vorzüge, die alle verzaubern: So steht sie da. Sehr schön. Sie ist die Schönste von allen. Sie liebt den Staub, weil der sie strahlen lässt, wenn die Sonne sie trifft, wenn sie dasteht, barfuß im Sommerkleid im März im Sand, der so fein und weiß ist wie grauer Staub, der den Asphalt stumpf macht und matt wie ein seltenes Metall und auf den Blättern liegt bis zum Regen, in dessen Pfützen Öl früher bunte Schlieren gezaubert hat auf dem Weg nach Hause. Weg. So verrinnt die Zeit.

Mittwoch, 12. März 2014

Kunst

Plakate werben für Vorsorgeuntersuchungen, für die die Frauen mit Kunstledertaschen nicht mehr Zielgruppe sind. Sie tragen Pullover aus Kunstfasern in Wartezimmer und warten. Ihre Schuhe sind praktisch wie Kurzhaarschnitte ab einem gewissen Alter. Und das Leben füllt sich quadratisch wie ein Kreuzworträtsel: 6 senkrecht Polymethylmethacrylat, Wolpryla, Kunstwort DDR und knitterarm. Nichts ist echt. Nur das Warten. Das kleine Entchen und Bob, der Baumeister für unsere kleinen Patienten. Das Leben ist ein Bilderbuch, man muss gar nicht lesen können, nur schauen auf die bunte Pracht im Auge des Betrachters. Und zwischen den Seiten ein Blatt Krikelkrakelkindergartengekritzel in Bleistift und Blau. Das findet der ältere Herr beim Totschlag der Zeit. Er wendet es und lächelt. Triumphierend. Er faltet es und steckt es ein. Seine Entdeckung. Für später. 

Montag, 10. März 2014

Trabanten

Die Erinnerung ist ein Begleiter, der bisweilen untreu wird, so wie an manchen Tagen, wenn das Licht beschließt, milchig zu bleiben. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch Nebel und Dunst ins Ungewisse, auf die Suche. Ich möchte mich ins Auto setzen und durch Straßen fahren, in denen ich nie gewohnt habe, die in meiner Kindheit neu waren, benannt nach Ludwig Renn oder Paul Dessau und mir bis heute fremd wie das Leben der Leute, die in den Häusern dort wohnen, sind. Die Häuser waren hoch und der Stolz der Republik. Und wenn der Himmel blau war, strahlten sie voller Verheißung auf Zukunft und das, was werden soll. Lachende Familien mit lachenden Kindern. Mein Bruder hat eine Schwester. Alles ist im Plan, und Vati baut mit. Wir sind der Stolz der Republik. Wir sagen Danke und flüchten uns in den milchigen Tag, an dem das Licht beschließt, Anisschnaps zu sein, der mit Wasser verdünnt wird, der diffus wird wie die Milch, die sich im Tee löst, alle Schnörkel verliert und das Schwarz noch Jahre später erhellt bis zum Beige der Kleidung rüstiger Rentner. In der Erinnerung war mein Leben nie grau, eher ecru oder kitt, so wie die harmlosen Automobile vor den republikstolzen Häusern. An machen Tagen erinnere ich mich daran, dass der Himmel helltaubengraublau werden kann, de luxe wie baumwollverstärktes Thermoplast. Ganz exquisit. Und nur für mich. 

Freitag, 7. März 2014

Hell

Der Tag ist so schön wie das Mädchen mit dem braunen Pferdeschwanz an der Ampel, über das man einen Text schreiben müsste, der so schön ist wie der erste warme Tag im März, der ihre Haare zaust mit sanftem Wind und sie die Strähnen mit einer kleinen Geste des Jungseins aus dem Gesicht streichen lässt, bevor es grün wird und ich ihr nachblicke, wie sie die Straße hinabgeht, um einem Ziel zuzustreben, das ich auch einmal hatte, aber nicht ahnte, was es war, und ich plötzlich weiß, dass mir dieser Moment der Schönheit im Sinn bleiben wird wie ein fassungsloser edler Stein.

Mittwoch, 5. März 2014

Isobare Wahrheit

Der Mittwoch ist ein Herr im Cut. Er grüßt, schon älter, kennt die Form. Er verneigt sich, hebt den Hut. Vollendet. Nichts ist ihm fremd, er ist bewandert, er weiß und kennt. Aber wenn er lacht, hat er ein Jungengesicht. Sein Weiß wird dann Blond und das Grau leuchtet: Hochnebel unter Einfluss von Hochdruck. Darüber scheint die Sonne. Das Wetter heute ist Hinterglasmalerei. Du musst das Bild umdrehen, wenn es fertig ist.

Dienstag, 4. März 2014

Jugend heute

Die Geschichten, die du erzählst, sind kurz. Wie der Prozess, den du mit der Kindheit machst, wenn du deine Arme vorstreckst und deine Hände aussehen nach Halt. Und die Ärmel sind viel zu kurz. Ganz plötzlich. Über Nacht. Und du weißt ganz viel. Kennst die Theorie und Theorien über alles. Die Verantwortung wiegt schwer und zerrt an den Schultern wie ein Jutebeutel, auf dem Das eigene Leben steht. Da geht's lang. So geht's. Und du willst es gar nicht wissen, weil du nichts ändern kannst am Sein. Weil ja niemand zur Revolution ruft heute. Weil nur der Wecker klingelt jeden Morgen und du aufstehst und dich wach wäschst mit Kaffee, der nicht schmeckt, aber schwarz ist und stark wie die letzte Nacht und die Arme, die dich manchmal halten im Traum, bis der Wecker klingelt und du aufstehst, weil ja keine Revolution ist, sondern das Bett gemacht werden muss.

Montag, 3. März 2014

Projektion

Mit der Sonne, die langsam aufgeht, im Rücken stehen die Fenster der anderen wie abendliche Häuser. Ihre Zeit wirft Schatten, lang und schmal liegen sie vor ihnen. Allein gehört die Straße ihr und ein bisschen auch die Stadt, bevor der Tag den Dienst antritt. Los. Laufen. Rennen. Schneller. Weiter und weg. Wie Staub, der sich setzt auf das, was steht, und dann gebacken wird zu Stein, der rote Häuser baut, an denen wilder Wein sein Rot im Sommer dann vergießt wie Blut und Sonnenuntergänge schon am Morgen, bevor der Tag beginnt, kann sie nicht sein, oder ist sie auch schon grau und tot? Sieh nach vorn, sagen sie. Im Rücken die Sonne geht ihr Schatten lang und schmal voran. Allein gehört die Straße ihr, allein vor allen anderen, bevor der Tag den Dienst antritt und sie sich einschließt, bevor der Tag kommt. Und die Traurigkeit.

Freitag, 28. Februar 2014

Liedende

Das Licht ist gegeben dem Mühseligen. Drum liebt man die Nacht und ihre Sterne, die so dunkel sind und weit und weg. Die Nacht ist ein Saisonartikel. Wie die Jugend. Und ist sie gegangen, kommt ein hübscher Himmel zum Vorschein. Prosaisch in Hellblau und Weiß. Entschlössen sich seine Wölkchen, sich überreden lassen zu können, in zarter Parallelstreifenformation zu gefallen, erschien uns der Himmel über B. wie ein Baldachin über der spiegelnden See, als ein von Malwine in weiser Voraussicht mit manufactumkatalogschöner Wäsche frisch bezogenes Bett, in das wir fielen. Dann knipsten wir das Licht aus, lauschten noch ein wenig den Wellen und einem fernen Schluchzen und sagten einander brav Gute Nacht. Nett.

Donnerstag, 27. Februar 2014

Fakultativ falsch

Der Tag trägt wie ich ein "Eigentlich", das falsch ist und schmeichelt wie ein Kind mit müden Füßen, auf dem Arm. Er ist ein Trugschluss, und ich weiß es, denn er mischt seine Farbe, die sich vertraut gibt und erkannt wird als das, was sie ist, erst wenn sie verblasst und zur Auslage wird, zum fließenden Früher, wie einst postkartenschönes Orange oder Blau: dann und später. Bei Lichte betrachtet spielt der Tag nun Theater. Wie ich. Und sein Stoff ist ganz leicht, ganz schwebend, fast durchsichtig gewebt, beinah wie das Nichts aus nachtschwarzer Wolle, das gesponnen zu Tränen zum Stück wird, das uns jedes Mal rührt, weil wir feige sind und die Feigheit der Braven erkennen, die wir verachten als das "Eigentlich" unseres Tuns. Ach, lass nur. Die trocknen ruhig im Stillen, ganz von alleine im Dunkel des halbleeren Rangs. Und wär ich nicht feige, dann riefe ich Bravo, wenn sonst niemand klatscht, in die Stille als großes Hallo. Heute noch. Oder Morgen. Eigentlich. Oder doch. Vielleicht. Oder so.

Mittwoch, 26. Februar 2014

6:03

Dunkelblau endet der Schlaf. Vor dem offenen Fenster beginnt das Ende der Nacht. Der Tag wird Frühling. Er müsste sich anfühlen wie Los und Schön und Jubilieren. Wie krokusgelbes Blühen. Ach ja, in fünf Minuten. Noch einmal umdrehen. Noch müde den zwitschernden Spatzen beim Wachsein zuhören und feilschen mit der Zeit. Wie jeden Morgen mit einem schwachen Blatt. Für Frühtau fehlen hier die Berge. Trotzdem vallera.

Sonntag, 23. Februar 2014

In Unordnung

Dreiundzwanzig Kinder schauen in die Kamera. Das Wetter ist mild, sie tragen Kniestrümpfe und kurzärmelig, und die Sonne der letzten großen Ferien spiegelt sich noch auf ihren Gesichtern. Aufgestellt auf drei Stufen und lachend, denn Mathe fällt aus oder Deutsch oder Heimatkunde. Lachen und Zahnlücken und Sommersprossen oder Grimassen, wenn der Photograph sein Achtungundjetztbitteallerechtfreundlich sagt. In der zweiten Reihe steht das dicke Kind. Es lächelt. Es hätte nichts gegen Mathe gehabt oder Deutsch oder Heimatkunde, denn es hat gute Zensuren. Es grüßt immer freundlich, lässt Christian abschreiben und manchmal Andrea und petzt nicht. Es kann gut vorlesen, dann hören alle gerne zu, weil es bei Fragesätzen hinten die Stimme hebt und das mit der Betonung kann und Fremdwörter weiß wie Mesopotamien. Das stand in einem Buch, das das dicke Kind einmal gelesen hat. Sowas merkt sich das dicke Kind dann. Das dicke Kind liest viel. Wenn die anderen zum Fußball gehen oder Kassetten hören. Das dicke Kind kommt gut zurecht. Es ist vernünftig und grüßt immer freundlich, lässt abschreiben und petzt nicht. Es sagt ordentlich Danke, als die Bilder verteilt werden. Es steckt den Umschlag mit dem Bild in die Mappe, ordentlich, damit er nicht knickt. Zu Hause schließt es ordentlich die Tür zu seinem Zimmer hinter sich, holt den Umschlag mit dem Bild aus dem Hausaufgabenheft und sieht es nicht an. Es weiß, es ist das dicke Kind in der zweiten Reihe. Ordentlich schreibt es das Jahr und ebenso ordentlich die Klasse auf den Umschlag. Die blaue Tinte zerfließt, als eine Träne darauftropft, ganz unordentlich.

Samstag, 22. Februar 2014

1987

Manche Zeiten sind wie vergiftete Wörter. Sie haben einen Beigeschmack wie Kunstgewerbe. Wie 13 sein oder 14 und große Ferien und nicht wegfahren, und jeder Tag ist gleich, und niemand ist da, nur der Sommer, die Zeit und der Zwang ihrer Freiheit. Alle sagen: Freu dich doch. So gut hast du's. Das, was Jugend heißt, scheint weiter weg als der Ernst des Lebens, viel weiter noch als Wladiwostok, und Kinder müssen glücklich sein im Sommer. Sie freuen sich an sportlichen Wettkämpfen und messen ihre Kräfte im Spiel. Sport und Spiel klingen dann wie Drohungen. Geh spielen und hab Spaß, sitz doch nicht immer zu Hause. Du willst doch auch was erzählen können. Der Himmel ist blau wie Wimpel und Sommerwind. Fröhlich sein und singen vor Fröhlichkeit und Freude, jung zu sein. Auch wenn alles nicht richtig ist.  

Donnerstag, 20. Februar 2014

Am Rande, bemerkt

Eine Krähe schaut mich wissend an, glaube ich. Sie kann wegfliegen. Sie bleibt. Eine Litfaßsäule rotiert, beschimpft von einem Mann, der nicht allein ist. Nie. Ich warte, und das Radio läuft und übertönt, was er sagt und die Straßen und ihren fließenden Lärm. Mitte. Er tanzt für sich ein stummes Pas des deux in Moll, ohne picardische Terz. Ohne mich. Plötzlich hört er auf, schaut konzentriert auf die Uhr, holt ein Schlüsselbund aus der Tasche seines grauen Blousons und geht davon. Ganz ruhig. Als hätte er sein Ziel und die Zeit gefunden. Die Krähe nickt vom Bürgersteig und behält es für sich. Es wird Grün. Flugzeit zu Quality time steht auf der Straßenbahn. 

Mittwoch, 19. Februar 2014

Erhöhte Luftfeuchtigkeit

Die Luft ist heute wie ein seltenes Tier, das man beobachten darf. Ganz fein und mutig. Sie traut sich, wird sichtbar. Sie setzt kleine Tröpfchen ins Gesicht. Sie ist überall, wie immer, aber heute da und stets und ständig so. Sie umgibt und sagt: Ich bin hier. Dein Schirm ist albern, trau dich auch. Du wirst nicht nass. Und wenn schon. Patsch und Plitsch und Platsch und Pfütze. Leben eben. Trau dich.

Montag, 17. Februar 2014

Salon Karin

Hierher verirrt sich der Tag nur als alte Geschichte, die raschelt als rot-weißes Band: Nicht weiter ab hier. Doch komm nur, wenn du dich traust! Ausladend warten Gardinen hinter trotzigen Scheiben, die staubig mehr blind sind als Glas, auf einen stillen Tod. NOCH heißt das Wort, das über allem liegt und als Gestern zum Gruße nickt wie ein in Würde vergessender Greis. Noch ist alles da und die Birke in der Regenrinne erdenfrei dem Himmel viel näher als alles, was planvoll tatsächlich geschieht. Ihr Stamm trägt die Farben der vorletzten Zeit: zusammengesetzte Vergangenheit, die abschnittsweise Wahrheit, schwarz-weiß à la mode wie ein Herrenhaarschnitt im vergilbten Journal. Es war wohl einmal. Ob sie es weiß? Ich schreibe FRÜHLING auf das Fensterbrett, zeigefingerdick. Einfach so.

Sonntag, 16. Februar 2014

Der Mut des Dieter U.

Dieter war eine Nummer auf einem Aushang in der Musikschule. Preiswerte Stimmung. Mein Sohn spielt seit fast zehn Jahren Klavier. Seitdem stimmt Dieter. Eigentlich ist Dieter Pianist. Man kann ihn buchen. Wenn du Sonnabend Zeit hast, komm doch vorbei. Nichts Großes. Vernissage. Prenzlauer Berg. Christinenstraße. Bunte Aquarelle. Toskanasonne. Statt Seidenmalerei. Schnatternde Frauen. Dieter spielt Cembalo. Die Frauen schnattern über Kunst. Lauter schnatternde Frauen vor bunter Toskana. Dieter hört auf. Mitten im Stück. Er steht auf, fordert Gehör. Ruhe für die Kunst. Die Frauen gehen zum nächsten Bild, legen den Kopf schief und schnattern weiter. Armer Dieter.

Freitag, 14. Februar 2014

So gut wie Ade oder Ach oder Dann und Danach

Ich bin eine Frage der Zeit, doch die hält dich nicht auf in deiner Suche nach einem Wörterbuch für die Suche nach dem veraltenden Abschied. Vielleicht bist du klein, ja wirklich, du gehst wie ein kleiner Mann und wirst kleiner im Gehen, wie der Ruhm der anderen im Niedergang nach dem Sieg, ein Geograph, der keine Grenzen kennt und seine Antwort gibt auf alles. Eine Geste wie eine große schwarzseelige Fliege, die lauert und ungefragt verscheucht wird - so lästig - mit wortloser Hand. Is scho recht so. Du lachst mit den Augen und ich lächle zurück, wo ich bleibe, stehe mit wehendem Mantel, offenem Haar - theatralisch nieselnder Regen, der wie Tränen fällt und ein Vorhang zum Abspann im müden Gesicht - dir gegenüber und werde sagen: Es sind nur zwei Buchstaben, AD, ganz simpel, so einfach ist das und mehr nicht. Jetzt kannst du gehen, sag ich dann und gehe selbst. Ganz einfach und still wie Gute Nacht.

Donnerstag, 13. Februar 2014

Los

Hier passiert nicht viel. Das Leben verläuft parallel zu den Gleisen. Die dritte Gerade, die niemanden interessiert. Weil hier ja nicht viel passiert. Der Weg am Bahndamm führt immer geradeaus. Immer weiter. Hinaus. Vielleicht. Weg. Hauptsache weiter. Bald kommt kein Bahnhof mehr. Bald bin ich zu Hause und fange an.

Mittwoch, 12. Februar 2014

Im Verbund

Eine Zeitlang ist Glas Materie zwischen fest und Fluss: umkehrbares, reversibles Aggregat. Ein vierter Zustand. Vor der Tür steht schon wieder die Katze, tick-tack macht sie, wie die Zeit auf der Uhr, und schaut mit den Wolken durch die Scheiben, mir zu, wie ich sie beobachte. Wie Einschlüsse im reinen Quarz sehen sie aus, milchig, mit fettigem Glanz von Bergkristall, wenn er bricht, weil er nicht spaltbar ist, auch nicht nach 15 Jahren, muschelig. Der Tag ist ein Mittwoch, mindestens, ein Verrechnungsscheck, der nun eingelöst ist. Endlich. Nicht umkehrbar.

Dienstag, 11. Februar 2014

Morgen

Er fängt mit dem Magazin an am Donnerstag. Freitag Politik. Am Dienstag kommen Feuilleton und Chancen. Chancen immer nur kurz. Gott sei Dank. Nie Reisen. Vielleicht am Wochenende. Sie würde mit ihm zu Ikea fahren, um eine Knoblauchpresse zu kaufen oder ein Nudelsieb. Vielleicht mag er Nudeln. Zu Ikea fahren Paare mit Zukunft und Plänen. Ob er Nudeln mag? Sie sieht ihm zu, wie er liest. Sorgfältig faltet er das Papier. Gewissenhaft. Redlich. Jeden Morgen. Sie sieht ihm nach durch die zerkratzte Scheibe. Die Türen schließen. Bis zur Brücke, bis er klein wird und sich auflöst im Tag. Bis morgen.

Montag, 10. Februar 2014

Beiläufig

In den Poren des Asphalts glitzert gefrorener Tau wie ein abgegriffenes Bild, das die Erinnerung bemüht an gestern oder die Zeit danach. Ein Aggregatzustand wie verschwendetes Talent, ein blauer Tag ohne Wolken, die sich in den Pfützen spiegeln, in denen Eis Blumen und gelbe Blätter fängt. Darauf könnte ich Geschichten erzählen, sagst du, voll verschenkter Schönheit und flüchtig wie das Herz, das du beim Gehen mit links in den Raureif der Scheibe gemalt hast. Vielleicht erinnerst du dich morgen noch daran.

Sonntag, 9. Februar 2014

Februarsonntag, an dem die Sonne scheint, es nach Frühling riecht und ich augenblicklich aufstehen und meine Sonnenbrille suchen muss

Der Morgen glänzt und schimmert. Althochdeutsch für Blau, das Schornsteine und Regenrinnen leuchten lässt wie die Fenster der Häuser am See. Er sendet Wellenlängen im Intervall zwischen 460 und 480 nm, die in der Nase kitzeln, wenn man nach draußen sieht auf die Straße. Noch schlafen alle. Der Tag ist wach und wie ein Kleid, das zu schön ist, um nicht ausgeführt zu werden. Wie ich. Die weißen Häuser gegenüber, in denen Menschen wohnen, die ich nicht mag, tragen die Konturen noch kahler Bäume auf nackter Haut. Die Sonne seziert mit kühler Grazie und zaubert Scherenschnitte. Voller Ironie und so schön, dass ich ihr verzeihe. Man muss die Augen fast schließen, um zu sehen. Kopf hoch und Augen zu und los. Ganz einfach ist alles! Doch! 

Donnerstag, 6. Februar 2014

Vorstellung

NR ist die Abkürzung. Doch, das musste mit reinschreiben. Und irgendwas mit kreativ und unabhängig und selbstbewusst. Aber bloß nicht starke Frau, das klingt wie Übergröße und verzweifelt. Ja, mach ich, nee, alles ok. Mir geht's gut, wirklich. Ja, ich ruf dich wieder an. Versprochen. Ich lege auf. Sie meint's ja nur gut. Gelegentlich überredet sie mich zum Ausgehen. Sie hat ja recht. Hat ja auch Vorteile. Ich nehme dann immer eins von den Streichholzheftchen mit, die auf dem Tresen stehen. Manchmal finde ich die in meiner Jackentasche, und dann komme ich mir vor, als führte ich ein wildes, verwegenes, ruchloses Leben. Im Winter, wenn man muss, zünde ich Kerzen damit an. Nicht oft. Aber weil ich auch nicht oft ausgehe, halten sich Verbrauch und Nachschub die Waage. Würde ich rauchen, müsste ich öfter ausgehen. Weil ich gar kein Feuerzeug besitze. Vielleicht sollte ich anfangen. Ich könnte beim Schreiben versonnen dem Rauch hinterherblicken und mir vorstellen, du würdest mich ansehen, wie ich versonnen dem Rauch hinterherblicke, und du würdest mich ansprechen, um Feuer bitten, obwohl auf dem Tresen Streichholzheftchen stehen, und schön finden und talentiert, weil ich so treffend die Farbe des Rauchs beschreiben kann, der aufsteigt und dem ich versonnen nachblicke und dabei eine treffende Beschreibung seiner Farbe suche. Beiläufig würde ich erwähnen, dass er mich an die Dächer von Paris erinnert, großstädtisch grau, durchzecht, ein Zettel mit einer unleserlichen Nummer als Trophäe, wenn die Bahn wieder fährt. Morgens. Ich war nie in Paris. Aber so muss es sein. Das weiß man doch, nicht wahr? Rauchen tötet. Das Leben auch.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Freundliche Mühewaltung

In meinem Auto leuchtet eine kleine rote Schneeflocke von minus zwei bis plus zwei Grad Celsius: Obacht, ich könnte fallen, weiß und unschuldig, aber ich bin nicht von Dauer, bin flüchtig. Ich bin eine dünne Eisschicht. Ich trag dich nicht, du kannst nur schauen. Ein fragiles Schauspiel, das man am besten von Brücken betrachtet. Ein wenig von oben herab. Das ist vorbei jetzt. Auf der Spree schwimmen die letzten Reste Eis. Sie sehen aus wie prosalose Plastiktüten. Dazwischen Wellen. Nichts trägt. Das weiß ich jetzt auch. 

Dienstag, 4. Februar 2014

Vis centrifuga

Ich kaufe eine Karte fürs Kettenkarussell. Ich klettre auf den Turm ohne Leiter und dreh mich wie die Welt um dich. Ganz schnell und hoch und Augen zu. Und unter mir nur das Blau zu deinen Füßen. Immerhöherhöchste Zeit. Wenn du fragst, sag ich Ja, ruf ich, und du lachst, als ich lande. Ich wache auf. In meinem Haar klebt Zuckerwatte. 

Montag, 3. Februar 2014

Mehr bitte

Ich schaue dem schlafenden Kind mit den müden Augen zu, die blau sind und strahlen, selbst jetzt. Unter der Decke liegen wir wie unter dem grauen tauenden Februarschnee, der das Gras nur noch halb verdecken kann, der bestaunt wurde, als er neu war und da und unberührt und leicht und fein gefallen gefiel. Wie vom Himmel. Heiter. Gefeiert wie Berlinale-Filme, die im Sommer niemand mehr kennt. Einmal Überschwang und roter Teppich und goldener Vorhang und Schlange stehen nach Billets, die du später im Wintermantel findest und dich kaum erinnern kannst, wofür. Eine unbestimmte Erinnerung an ein vages Gefühl. An Glück. Das bleibt.

Sonntag, 2. Februar 2014

quod erat expectandum

tja, was soll man dazu sagen
war ja wohl keine Überraschung
musste ja so kommen
wussten doch alle 
war ja klar
sah man doch gleich
sah man kommen 
Mensch, nun hab dich nicht so
das Leben geht doch weiter
da musste doch nicht weinen
is doch nich so schlimm
nun reiß dich mal zusammen
bist doch schon groß
haste denn kein Taschentuch
hier, nun putz dir die Nase und geh spielen
lass dich doch nicht so gehn
bist doch noch jung
musst mal unter Leute
kannst dich doch nicht ewig verkriechen
naja, dann eben nicht
schade drum
versucht hamwas zumindest
komm

Freitag, 31. Januar 2014

Kommode

Manchmal öffne ich die Schublade. Ganz hinten in der Ecke unter anderen Gedanken liegt ein schöner. Er hat einen weißen gezackten Rand wie alte Bilder in falschen Formaten zwischen Seiten aus hellgelber Pappe, die Spinnennetz-Pergamentpapier trennt. Manchmal hole ich ihn hervor, betrachte ihn, als wäre er ein Tier in einem Terrarium, vertraut nur mit mir, an mich gewöhnt aus Beständigkeit, das ankommt, wenn ich vor der Scheibe stehe und sachte klopfe. Der Gedanke ist nicht groß, vielleicht wie ein Herz, das Platz hat für mich. Von dort schreibe ich Ansichtskarten und stelle mir vor, dass du zum Briefkasten gehst, den Schlüssel umdrehst und die Augen schließt, weil du plötzlich Angst hast, er könnte leer sein, wie du dir Mut zuredest und Ausreden und Entschuldigungen erfindest für die Leere, die du fürchtest. Das denke ich dann in meinem Gedanken. Vorsichtig falte ich ihn wieder zusammen, stecke ihn in seinen Umschlag und lege ihn zurück, ganz hinten in die Ecke.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Cha-Cha-Cha

Bis zum ersten Stock rankt Efeu. Nun muss die Sonne die Lücken suchen, will sie durchs Fenster, um Streifen zu zeichnen im Zimmer dahinter auf dem Parkett im Halbschatten helllichter Tage. Da bin ich gern, im Halben irgendwie ganz. Als würde ich unter der Chaiselongue liegen bei einem Tanztee und die Füße der anderen bei ihren Gedanken belauschen, im Zwielicht, bei Chassé auf 4 und 1. Efeu ist ein altruistisches Gewächs. Aber das weißt du ja.

Mittwoch, 29. Januar 2014

Oxidationsprozesse

Ich habe eine alte Sorte erwischt. Mit Stellen. Die Schale kommt ab. Schuldbewusst, jaja, ich weiß das mit den Vitaminen. Trotzdem. Ich bin auf der Suche nach der Kindheit. Apfelstückchen in Plastiktüten schmecken danach, nach Freibad, Hofpause mit Ausgang um das Rasenquadrat, nach Wandertagen in Zweierreihen und Zugfahrten nach Leipzig, zu Tante Luzi und Onkel Hellmuth mit der bangen Frage, wann fahren wir wieder nach Hause. Später nach Abiturklausuren, nach unglücklicher Liebe, Allgemeinbildung, Kabale und Schiller im Schreibtisch. Äpfelsäure ist eine chemische Verbindung aus den Gruppen der Dicarbonsäuren und Hydroxycarbonsäuren. Der Duden kennt sie nicht. Ich sitze im Bett mit einem Obstteller für das Kind und einem Buch mit Bauernhoftieren, die Kinder lieben, obwohl nur aus Büchern. Sie pickt die Mandarinchen wie Rosinen, ich die nackten Äpfel. Erinnern heißt auswählen. Sagt Grass. Das Leben ist wie Literatur, die darauf wartet, geschrieben zu werden, bevor es braun und mehlig und weich wird von der Zeit. 
Bald bin ich so alt wie Dungeons & Dragons.

Dienstag, 28. Januar 2014

Man sollte

Hinter den Häusern wird der Himmel langsam und rosa zum Tag. Eher sachlich und kühl soll er werden, nicht kalt. Im Schnee von gestern, der brav die Januarschuld einlöst, kann man Spuren hinterlassen, wo noch niemand war. Man sollte Aufkleber drucken mit Poesie und sie an Laternenpfähle kleben, ganz oben, wo noch niemand war und wo kein Mensch hinkommt, der nicht das Ziel kennt. (Psst, das verrate ich dir.) Ganz oben an der Laterne, noch über dem Leuchten, ist man dem Himmel näher. Mathematisch korrekt und neorauchgrau fallen Flocken.

Montag, 27. Januar 2014

Hypothetischer Imperativ

Hmmm, ich weiß nicht. Besser nicht. Oder doch? Was meinst du, soll ich wirklich? Ach, mach es einfach so, wie du denkst. Ja, aber was denn? Jetzt sag doch mal, sag mal. Duhu, sag mal. Du wirst ganz bestimmt das Richtige tun, da bin ich ganz sicher. Ja, aber was denn nun? Und wenn nicht? Sag doch mal... 
Ich hab dich auch lieb.

Sonntag, 26. Januar 2014

Meine Rache an Pankow ist das Glück

1100 Berlin, Mendelstraße 43, 2. Stock im Hinterhaus. Blick über Kleingärten, auf Freibad und Sprungturm. Die Sommer der Kindheit müssen grün sein, frisch wie der Mai, weil man doch jung ist, und blau und weiß, denn die Wolken am Himmel sind von Tübke: Sie verkünden die Zukunft, die wir bauen. Im Treppenhaus tanzt
Staub. Hurtig/Fritzsche haben wieder nur gefegt, aber nicht gewischt. Sagt Herr Kohne. Der weiß sowas, und dass Teppichklopfstangen Volkseigentum sind und nicht dafür da, daran Schweinebaumeln zu machen. In meinem Zimmer kann ich hören, wie
Herr Kohne schimpft und das Wasser in der Sonne glitzert. 10 Meter sind wie Schweinebaumeln am Volkseigentum von Herrn Kohne. Ich bin 9 oder 8 und nicht sehr mutig. Letzten Sommer fragten meine Söhne: Biste eigentlich schon mal von 'nem 10er gesprungen? Wir fahren eine Stunde durch Berlin. Pankow sieht jetzt anders aus. Das Haus ist jetzt sehr hübsch. Es gibt jetzt ein Klingelschild. Für Vorder- und Gartenhaus. Darauf steht niemand, der mich noch kennen würde. Die Bäume sind gewachsen. Die Zukunft, die wir bauen, ist 30 Jahre her. Dem Turm fehlt die letzte Plattform. Sie ist auch weg. Seit Ende 2004 gibt es neue europaweite Normen für Sprungtürme. Ist ja nur 'n 7er. Springste trotzdem? Als ich zur Decke zurückkomme, sagen sie: Cool, Mami. Ja, finde ich auch.

Samstag, 25. Januar 2014

Vintage

Als ich so alt war wie sie, hatte ich ein Kaleidoskop, ein Fernrohr aus roter Pappe mit einem Boden aus milchigem Glas. Und darin waren lauter Juwelen und Schätze. Es mussten so viele sein, denn immer sahen die Mosaiken anders aus. Ich war unendlich reich. Grüne Smaragde und blaue Saphire und Goldstücke und Rubine. Ich saß alleine im Flur, der war lang, schmal und dunkel, wenn man alle Türen schloss. Dann war der weinrote Teppich ganz vornehm, und die Lampe war ein leuchtender Stern oder Mond. Jedenfalls keine Sonne, denn dann wäre es ja ganz warm, aber der Flur hatte gar keinen Ofen. Und würde ein Ritter kommen, so wäre der Glanz seiner Rüstung bestimmt zu hell für den kleinen dunklen Flur. Das wussten auch die Ritter und blieben darum fern. Und außerdem war ich ja gar keine Prinzessin. Das hatte Lars gesagt. Manchmal bin ich traurig. Dann brauche ich das Kaleidoskop nicht. Dann weiß ich, dass Lars recht hat. Und die Schätze sind ja sowieso nur Plastik. Und der Mondstern hat ein Blumenmuster, das hässlich ist und jetzt wieder modern. 

Freitag, 24. Januar 2014

Holzmarktstraße 66, Reklame

Mein Lieblingsort ist provisorisch wie ein Seniorenstift. Er sammelt das Leuchten verschwendeten Talents, das Früher vergangener Buchstaben. Er ist ein großer melancholischer Ort, ein Museum fraktaler Lyrik und Weisheit: Friert man Worte tief, so kann man sie zerschneiden wie Kartoffelsuppe in kleine Portionen für den täglichen Bedarf, die sich aufwärmen lassen in einem neuen Topf und die dann berichten von dem, was sie einmal erzählt haben. Ich komme zu Besuch, bringe Kuchen mit und Zeit und rede gar nicht viel, sondern höre mir die Geschichten der alten Leute an.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Aufbruch

Er trinkt seinen Kaffee ganz schwarz. Und manchmal sieht er von seinem Buch auf und lächelt. Ich kenne ein paar seiner Freunde beim Namen, und manche Mädchen mag ich sehr. Ich würde sie allesamt siezen in ihrer Jugendlichkeit, so schön und klug und begabt sind sie. Ich weiß nicht mehr viel über sein Leben, aber manchmal sitzen wir zusammen in der Küche am Tisch und lachen wie früher. Ich weiß, er trinkt seinen Kaffee schwarz. Manchmal nimmt er mich in den Arm, und ich lehne meinen Kopf an seine Brust. Er nennt mich Mutter, und dann küsst er mich auf die Stirn und sagt: Alles wird gut.

Mittwoch, 22. Januar 2014

Ach Schnee

Der Januarmittwochmorgen zeigt die kurze Zeit der Schönheit einer monochromen Welt. Schneeschieber auf Kopfsteinpflaster klirren kalt und metallen. Das Geräusch weißer Stille. Winter in der Stadt ist wie französischer Rap. 

Ach ja, wem's gefällt...

Dienstag, 21. Januar 2014

Kondensgestreift

Dienstags bin ich eine alte Frau. Ich habe keine Eile und denk mir aus, wie es ist, ein Kind zu sein, ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen. Dann liegt der Tag noch vor mir. Darf ich bitten? Dann muss ich aufstehen. Aber nicht heute. Ich bleib einfach liegen. Augen zu. Ich mag heut nicht die Ecken sehen, in denen Spinnweben hängen. Die sind noch von gestern. Meine Decke über dem Kopf ist blau und weiß liniert wie ein früher Sommerhimmel. Und ich trinke Milch, die ist süß, und ich bin flink, damit sich keine Haut bildet. Heute muss ich nicht tanzen...

Montag, 20. Januar 2014

Hessische Straße

Mein Zahnarzt hat seine Praxis im dritten Stock eines alten Hauses in einer alten Straße in Mitte. Es gab eine Zeit, da lag sie am Rand meiner Stadt. Sitzt man im Behandlungsstuhl, blickt man durch alte Doppelfenster, die alter Kitt im Rahmen hält, in die Krone eines alten Baumes. Es ist November und der Baum schon kahl. Die Sonne scheint schon um drei Uhr nur noch beinah. Der Baum ist schwarz vor grauem Himmel. Über dem Zahnarztstuhl hängt die künstliche Sonne von der Decke mit Stuck aus einer anderen Zeit. Sie scheint auf Kronen. Manchmal aus Gold. Und auf Gedanken, denen man nicht entkommen kann, weil der Kopf sie als Erinnerung festhält. In den alten Fensterrahmen hält der alte Kitt alte Scheiben. Früher, als die Erinnerungen noch Pläne waren und Träume, gab es solche Scheiben oft. Die hatten Fehler, Schlieren, waren uneben, nicht ganz plan. Pockig wie das Land. In der linken Scheibe bricht eine Blase das Licht wie eine kleine Glaskugel. Bewegt man den Kopf, fängt die Welt dahinter an zu schwimmen. Planlos. Die Welt hinter Glas. Am Rand. In meiner Schule sahen wir durch solche Fenster in das Land. Im Unterricht, der langweilig war, konnten wir fliehen, es genügte ein Nicken, ein Blinzeln, ein Augenblick. Die Kunst liegt im Wechsel der Perspektive. Der Makel muss zum Zentrum der Betrachtung werden, bis er unsichtbar wird: Beweg den Kopf, langsam, bis der Hintergrund gnädig wird. Eine Gabel im Geäst, nur blau wie im Musikraum ganz oben oder strauchgrün wie im Werkenkeller, in dem wir bei Herrn Sasse Kakteenständer basteln mussten oder Schlüsselanhänger. Aus rotem Kunstleder. Mit Liebe. Die Kopfbewegungen verraten mich. Na, wo sind wir denn gerade? Weg.

Sonntag, 19. Januar 2014

In der Mitte ein weites Feld

Der Mariannenplatz ist wie eine Tochter mit zwei Brüdern, die die Stufen auf und ab hüpft im Kreis. Blond und wild wie der Himmel zwischen den Türmen des alten Hauses, der immer nach Gewitter aussieht, als würde etwas kommen, das man erwartet, von dem man jedoch nicht weiß, wann. Auf und ab im Kreis. Wie Geschichte.

Samstag, 18. Januar 2014

Stimmt so

Tiere füttern im Görlitzer Park ist wie Tauben vergiften bei Kreisler. Beides macht nur Vergnügen mit Abstand, Distanz, ohne Mütze, die selbstgefilzt und kratzig auf Kinderköpfen hockt als Statement und gegen die Kälte des sonnigen Sonnabendmittags. Vielleicht auch keine Taube sein. Lieber zuhören. Beflissene Eltern fragen ihr Kind mit eindeutig deutschem Akzent: What do you think about having lunch, Kasimir? Städter erklären ihren Stadtkindern Natur, ich auch. Am Beispiel von Eseln, die man nicht mehr füttern darf. Am Zaun steht: Diät. Meinem Kind ist's egal, wir schaun lieber Hühner. Gebraten sehen die später wie Fischstäbchen aus und stehn auf der Kinderkarte im Edelweiß. Davor scheint die Sonne, und zwei Stühle sind frei mit Blick auf die Wiese und lauter Gedanken. Wenn man zuhört, nicht taub ist, erfährt man die Wahrheit: In zehn Jahren werdet ihr es akzeptieren, wenn ihr Glück habt, sogar realisieren. Ich schwöre euch, ehrlich. Wer ist bloß Mach 1? Er soll cooler sein als Kay One. Das sagt der Typ vor der Wiese. Der muss es ja wissen. Der hat's voll drauf. Ey, ich bin 32 und seit 2004 hier. Ein anderer breitet eine Decke aus und auch seine Arme, er geht herum und fragt: Hat vielleicht jemand mal 'n bisschen Musik? Du kannst doch dein Handy hier zu mir legen. Eher nein. Ich tanz auch für euch. Ich höre lieber dem Typen zu, der zu ist und philosophiert, denn er war zuerst da, und er hat recht. Mein Kaffee ist schwarz, ohne latte und Schuss. Auch das ist ein Statement, eine Aussage, logisch. Ich zahle, geb Trinkgeld für die grandiose Aussicht vom Berg. Zum WC im ersten OG, vorbei an Glaube, Liebe und Hoffnung. Mehr Wahrheit geht nicht am Samstag um 1 im Görlitzer Park, ich schwöre.

Freitag, 17. Januar 2014

Das mittlere Kind

Im grauen Ohrensessel der Zeit sitzt er und lächelt - ein wenig müde noch - in den Freitagmorgen hinein. Er sagt, mir ist kalt, und ich decke ihn zu mit grauer Wolle, die wärmt seinen Bauch. In ihr sind Geschichten, verknüpft zur Geschichte des Tages, der anfängt, aus Nacht wird zum Jetzt. Eine Minute noch, sagt er, ach bitte, und reckt sich, wie die schwarzweiße Katze, die ich nicht mag. Die schaut durch die Scheibe und weiß so viel mehr. Denn sie nimmt auch die Wege, die wir gar nicht sehen, durch den Garten, das Jahr und den Tag. Husch, husch, sag ich, und sie springt davon. Er steht auf. Los geht's, alles beginnt.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Leihgabe

Die Hoffnung stirbt, wenn auch zuletzt, wenn niemand mehr glaubt und die Liebe verloren scheint wie die Zeit. Wenn niemand mehr sucht, bleibt nur Hoffnung, gefunden zu werden. Im Dunkeln, weil dort alle blind sind. Schwarz ist die Nacht wie Süßholzlakritz, das gute, das den Blutdruck treibt wie beim Verliebtsein: Zwei finden sich im Glauben an Schicksal und Zeit, deren Lauf sie verschlingt. Liebst du? Mehr als sehr!

Mittwoch, 15. Januar 2014

Bernd nicht

Der Himmel sieht aus wie gelungener Kunstunterricht. Voller Wahrheiten. Wir fangen mit dem Hintergrund an. Ein Pinsel ist kein Filzstift. Schwarz und Weiß haben auf einem Bild nichts zu suchen, wir sind ja keine Anstreicher, sagt Frau Schmidt, wer die Wolken weiß und den Nachthimmel schwarz malt, der schaut nicht richtig hin. Weißundrotundgelb macht Hautfarbe. Und Schwarzundrotundgelb unsere Fahne, die wir aber nicht malen sollen, weil das mit dem Werkzeug und den Pflanzen in der Mitte und dem Pinsel in der 2. noch zu schwer ist. Dafür ist später noch genug Zeit. Frau Schmidt mag die Natur lieber als Fahnen. Frau Schmidt hat einen praktischen Busen. Darauf kann sie die Bilder, die gelungen sind, ablegen und loben. In der 4. Klasse kommt Frau Bering. Frau Berings Figur ist attraktiver, aber sie ist für den Kunstunterricht weniger geeignet. Frau Bering ruft nach vorne. Auch sie erklärt Gelungenes und den Rest am hochgehaltenen Bild. Frau Bering wählt nach objektiven Qualitätsmaßstäben. Und die gelungenen Kinder werden sehr erfahren im Hochhalten. Einmal, das Thema der Stunde lautet "Mutti bei der Arbeit", darf auch Bernd nach vorne. Bernd saß ganz vorne, rechts vom Lehrertisch. Freiwillig sitzen dort nur die Streber. Bernd saß nicht freiwillig dort. Seine Mutter arbeitet bei der Eisenbahn, glaube ich. Wir wussten nicht viel über Bernd. Bernd hat eine schöne schwarze Lok gemalt, fastnachtschwarz, mit Blau drin und Schornstein und großen Rädern. Davor steht seine Mutter. Sie hat ein rotes Kleid an und blonde Haare, damit man sie besser sieht. Bernd darf nach vorn. Bernd hat alles richtig gemacht. Bernd darf nach vorn, vor die Klasse, die er sonst nur im Rücken hat. Wir kannten ja nur seinen Hinterkopf. Bernds Haare sahen immer aus wie ein leeres Vogelnest, verlassen. So, als würde ihm nicht oft jemand über den Kopf streichen. Denn der hätte das dann doch merken müssen und ihm einen Kamm gereicht. Bernd geht nach vorn und dreht sich zur Klasse, er lächelt verlegen und stolz auf sein Bild, das er hochhalten darf, und die Klasse kichert und fängt an zu lachen und lacht und hört nicht mehr auf. Frau Bering ruft "Ruhe", und Bernd ist ganz still. Nur zwei Tränen laufen ihm über das Gesicht, wie die Lok über das rote Kleid.

Dienstag, 14. Januar 2014

Auskunft

Ich habe ein Telephon. Einen Apparat. Schwarz und schwer. Niemand ruft an. Niemand hat die Nummer. Weil ich sie für mich behalte. Manchmal hebe ich den Hörer ab und lausche ins Nichts. Weltraumleere wie in einer Muschel am Strand. Oft schaue ich ihn nur an, den Apparat. Und stelle mir vor, wer alles anriefe, wäre der Anschluss bekannt. Dann schließe ich die Augen und mein Herz im Zimmer ein. Im Dunkeln fühle ich mich weniger einsam, weil ich nicht sehe, dass ich allein bin. Am anderen Ende die Welt. Ich könnte hinein, wenn ich wollte. Hinaus in den Raum. In die Leere. Zu den anderen.

Montag, 13. Januar 2014

Epopöe auf Parkdeck D: Germanisten raten zu Konsonantenverdopplung bei Autoren-Workshops

Natascha, ruf ich, kauf ein Ö! Zwischen Potsdam und Siegen fehlt Poesie! Mit Kleingeld und Großmut zu Schlemihl ums Eck, was haste zu bieten, fragt dieser sie keck. Natascha holt aus und bietet im Tausch ihr A für sein Ö im Mantelversteck. Herr Schlemihl addiert und lüpft kurz den Hut, lehnt ab, sagt nein, danke. Ein A ist nicht gut, zu inflationär, zu häufig, verbraucht: Ja, Aber und Amen, Jaja und Aha - akademisch-artistisches Trallallala. Das A wiegt zu leicht, denn ein Ö macht sich rar. Enöff is enöff, ade, l'art pour l'art. Der Markt macht den Preis, sagt Herr Schlemihl zum Tausch. Mir fehlt nur ein N, seufzt der Autor, der lauscht. Natascha rät zu gebuttertem Fisch, sagt: Autor, nun trau dich, fahr endlich das Rennen, wage das Leben, und gönn dir ein NN.

Sonntag, 12. Januar 2014

Silvesterreste


Das Jahr ist nun zwölf Tage alt, der Januar fast halbiert. Die guten Vorsätze sitzen wie die Freundin der Schönen beim Tanze. Ohne Aufforderung noch. Doch mit geraden Rücken und Prinzip, aufrecht und wartend. Sie leuchten matt im Glanz der Schönen, wie die Perlzwiebeln, die beim Silvesterfondue übrig geblieben sind. Sie hoffen auf ihre Zeit, die rennt, bis sie verloren ist und mit Getöse untergeht. Am Ende Proust und wortreich Prost: Es möge nützen, Mademoiselle Oignon Grelot. Zu gut noch zum Entsorgen. Und so schenkt Silberfolie Gnade. Eine Frist. Elf Monate oder zwei Wochen, ein, zwei Tage oder zwölf. Gekühltes Warten auf Erlösung: Der Januar erfrischt noch ohne Kälte. Fast Frühling in den Zweigen, Saft. Es hat geregnet in den letzten Nächten, und an den Geländern perlen Tropfen, silbrig, träge, ohne Last. Sie tragen die Wahrheit als Zeugen der Taten, die geschehen sollten. Janus' Vortrag der Gewinne und Verluste auf ein neues Konto. Mit Tamtam. Und Feuerwerk. Das Jahr ist neu. Die Schulden bleiben. Und auch die Schuld, der Vorsatz, bleibt. Denn Dolus verkörpert die Täuschung. Er drückt Dein Auge zu, bis Tränen kommen. Er häutet die Zwiebel gekonnt. Der Schein ist schön, die Freundin tanzt. Darf ich bitten? Einen Versuch ist's wert. Nun denn, wohlan!