Freitag, 28. Februar 2014
Liedende
Das Licht ist gegeben dem Mühseligen. Drum liebt man die Nacht und ihre Sterne, die so dunkel sind und weit und weg. Die Nacht ist ein Saisonartikel. Wie die Jugend. Und ist sie gegangen, kommt ein hübscher Himmel zum Vorschein. Prosaisch in Hellblau und Weiß. Entschlössen sich seine Wölkchen, sich überreden lassen zu können, in zarter Parallelstreifenformation zu gefallen, erschien uns der Himmel über B. wie ein Baldachin über der spiegelnden See, als ein von Malwine in weiser Voraussicht mit manufactumkatalogschöner Wäsche frisch bezogenes Bett, in das wir fielen. Dann knipsten wir das Licht aus, lauschten noch ein wenig den Wellen und einem fernen Schluchzen und sagten einander brav Gute Nacht. Nett.
Donnerstag, 27. Februar 2014
Fakultativ falsch
Der Tag trägt wie ich ein "Eigentlich", das falsch ist und schmeichelt wie ein Kind mit müden Füßen, auf dem Arm. Er ist ein Trugschluss, und ich weiß es, denn er mischt seine Farbe, die sich vertraut gibt und erkannt wird als das, was sie ist, erst wenn sie verblasst und zur Auslage wird, zum fließenden Früher, wie einst postkartenschönes Orange oder Blau: dann und später. Bei Lichte betrachtet spielt der Tag nun Theater. Wie ich. Und sein Stoff ist ganz leicht, ganz schwebend, fast durchsichtig gewebt, beinah wie das Nichts aus nachtschwarzer Wolle, das gesponnen zu Tränen zum Stück wird, das uns jedes Mal rührt, weil wir feige sind und die Feigheit der Braven erkennen, die wir verachten als das "Eigentlich" unseres Tuns. Ach, lass nur. Die trocknen ruhig im Stillen, ganz von alleine im Dunkel des halbleeren Rangs. Und wär ich nicht feige, dann riefe ich Bravo, wenn sonst niemand klatscht, in die Stille als großes Hallo. Heute noch. Oder Morgen. Eigentlich. Oder doch. Vielleicht. Oder so.
Mittwoch, 26. Februar 2014
6:03
Dunkelblau endet der Schlaf. Vor dem offenen Fenster beginnt das Ende der Nacht. Der Tag wird Frühling. Er müsste sich anfühlen wie Los und Schön und Jubilieren. Wie krokusgelbes Blühen. Ach ja, in fünf Minuten. Noch einmal umdrehen. Noch müde den zwitschernden Spatzen beim Wachsein zuhören und feilschen mit der Zeit. Wie jeden Morgen mit einem schwachen Blatt. Für Frühtau fehlen hier die Berge. Trotzdem vallera.
Sonntag, 23. Februar 2014
In Unordnung
Dreiundzwanzig Kinder schauen in die Kamera. Das Wetter ist mild, sie tragen Kniestrümpfe und kurzärmelig, und die Sonne der letzten großen Ferien spiegelt sich noch auf ihren Gesichtern. Aufgestellt auf drei Stufen und lachend, denn Mathe fällt aus oder Deutsch oder Heimatkunde. Lachen und Zahnlücken und Sommersprossen oder Grimassen, wenn der Photograph sein Achtungundjetztbitteallerechtfreundlich sagt. In der zweiten Reihe steht das dicke Kind. Es lächelt. Es hätte nichts gegen Mathe gehabt oder Deutsch oder Heimatkunde, denn es hat gute Zensuren. Es grüßt immer freundlich, lässt Christian abschreiben und manchmal Andrea und petzt nicht. Es kann gut vorlesen, dann hören alle gerne zu, weil es bei Fragesätzen hinten die Stimme hebt und das mit der Betonung kann und Fremdwörter weiß wie Mesopotamien. Das stand in einem Buch, das das dicke Kind einmal gelesen hat. Sowas merkt sich das dicke Kind dann. Das dicke Kind liest viel. Wenn die anderen zum Fußball gehen oder Kassetten hören. Das dicke Kind kommt gut zurecht. Es ist vernünftig und grüßt immer freundlich, lässt abschreiben und petzt nicht. Es sagt ordentlich Danke, als die Bilder verteilt werden. Es steckt den Umschlag mit dem Bild in die Mappe, ordentlich, damit er nicht knickt. Zu Hause schließt es ordentlich die Tür zu seinem Zimmer hinter sich, holt den Umschlag mit dem Bild aus dem Hausaufgabenheft und sieht es nicht an. Es weiß, es ist das dicke Kind in der zweiten Reihe. Ordentlich schreibt es das Jahr und ebenso ordentlich die Klasse auf den Umschlag. Die blaue Tinte zerfließt, als eine Träne darauftropft, ganz unordentlich.
Samstag, 22. Februar 2014
1987
Manche Zeiten sind wie vergiftete Wörter. Sie haben einen Beigeschmack wie Kunstgewerbe. Wie 13 sein oder 14 und große Ferien und nicht wegfahren, und jeder Tag ist gleich, und niemand ist da, nur der Sommer, die Zeit und der Zwang ihrer Freiheit. Alle sagen: Freu dich doch. So gut hast du's. Das, was Jugend heißt, scheint weiter weg als der Ernst des Lebens, viel weiter noch als Wladiwostok, und Kinder müssen glücklich sein im Sommer. Sie freuen sich an sportlichen Wettkämpfen und messen ihre Kräfte im Spiel. Sport und Spiel klingen dann wie Drohungen. Geh spielen und hab Spaß, sitz doch nicht immer zu Hause. Du willst doch auch was erzählen können. Der Himmel ist blau wie Wimpel und Sommerwind. Fröhlich sein und singen vor Fröhlichkeit und Freude, jung zu sein. Auch wenn alles nicht richtig ist.
Donnerstag, 20. Februar 2014
Am Rande, bemerkt
Eine Krähe schaut mich wissend an, glaube ich. Sie kann wegfliegen. Sie bleibt. Eine Litfaßsäule rotiert, beschimpft von einem Mann, der nicht allein ist. Nie. Ich warte, und das Radio läuft und übertönt, was er sagt und die Straßen und ihren fließenden Lärm. Mitte. Er tanzt für sich ein stummes Pas des deux in Moll, ohne picardische Terz. Ohne mich. Plötzlich hört er auf, schaut konzentriert auf die Uhr, holt ein Schlüsselbund aus der Tasche seines grauen Blousons und geht davon. Ganz ruhig. Als hätte er sein Ziel und die Zeit gefunden. Die Krähe nickt vom Bürgersteig und behält es für sich. Es wird Grün. Flugzeit zu Quality time steht auf der Straßenbahn.
Mittwoch, 19. Februar 2014
Erhöhte Luftfeuchtigkeit
Die Luft ist heute wie ein seltenes Tier, das man beobachten darf. Ganz fein und mutig. Sie traut sich, wird sichtbar. Sie setzt kleine Tröpfchen ins Gesicht. Sie ist überall, wie immer, aber heute da und stets und ständig so. Sie umgibt und sagt: Ich bin hier. Dein Schirm ist albern, trau dich auch. Du wirst nicht nass. Und wenn schon. Patsch und Plitsch und Platsch und Pfütze. Leben eben. Trau dich.
Montag, 17. Februar 2014
Salon Karin
Hierher verirrt sich der Tag nur als alte Geschichte, die raschelt als rot-weißes Band: Nicht weiter ab hier. Doch komm nur, wenn du dich traust! Ausladend warten Gardinen hinter trotzigen Scheiben, die staubig mehr blind sind als Glas, auf einen stillen Tod. NOCH heißt das Wort, das über allem liegt und als Gestern zum Gruße nickt wie ein in Würde vergessender Greis. Noch ist alles da und die Birke in der Regenrinne erdenfrei dem Himmel viel näher als alles, was planvoll tatsächlich geschieht. Ihr Stamm trägt die Farben der vorletzten Zeit: zusammengesetzte Vergangenheit, die abschnittsweise Wahrheit, schwarz-weiß à la mode wie ein Herrenhaarschnitt im vergilbten Journal. Es war wohl einmal. Ob sie es weiß? Ich schreibe FRÜHLING auf das Fensterbrett, zeigefingerdick. Einfach so.
Sonntag, 16. Februar 2014
Der Mut des Dieter U.
Dieter war eine Nummer auf einem Aushang in der Musikschule. Preiswerte Stimmung. Mein Sohn spielt seit fast zehn Jahren Klavier. Seitdem stimmt Dieter. Eigentlich ist Dieter Pianist. Man kann ihn buchen. Wenn du Sonnabend Zeit hast, komm doch vorbei. Nichts Großes. Vernissage. Prenzlauer Berg. Christinenstraße. Bunte Aquarelle. Toskanasonne. Statt Seidenmalerei. Schnatternde Frauen. Dieter spielt Cembalo. Die Frauen schnattern über Kunst. Lauter schnatternde Frauen vor bunter Toskana. Dieter hört auf. Mitten im Stück. Er steht auf, fordert Gehör. Ruhe für die Kunst. Die Frauen gehen zum nächsten Bild, legen den Kopf schief und schnattern weiter. Armer Dieter.
Freitag, 14. Februar 2014
So gut wie Ade oder Ach oder Dann und Danach
Ich bin eine Frage der Zeit, doch die hält dich nicht auf in deiner Suche nach einem Wörterbuch für die Suche nach dem veraltenden Abschied. Vielleicht bist du klein, ja wirklich, du gehst wie ein kleiner Mann und wirst kleiner im Gehen, wie der Ruhm der anderen im Niedergang nach dem Sieg, ein Geograph, der keine Grenzen kennt und seine Antwort gibt auf alles. Eine Geste wie eine große schwarzseelige Fliege, die lauert und ungefragt verscheucht wird - so lästig - mit wortloser Hand. Is scho recht so. Du lachst mit den Augen und ich lächle zurück, wo ich bleibe, stehe mit wehendem Mantel, offenem Haar - theatralisch nieselnder Regen, der wie Tränen fällt und ein Vorhang zum Abspann im müden Gesicht - dir gegenüber und werde sagen: Es sind nur zwei Buchstaben, AD, ganz simpel, so einfach ist das und mehr nicht. Jetzt kannst du gehen, sag ich dann und gehe selbst. Ganz einfach und still wie Gute Nacht.
Donnerstag, 13. Februar 2014
Los
Hier passiert nicht viel. Das Leben verläuft parallel zu den Gleisen. Die dritte Gerade, die niemanden interessiert. Weil hier ja nicht viel passiert. Der Weg am Bahndamm führt immer geradeaus. Immer weiter. Hinaus. Vielleicht. Weg. Hauptsache weiter. Bald kommt kein Bahnhof mehr. Bald bin ich zu Hause und fange an.
Mittwoch, 12. Februar 2014
Im Verbund
Eine Zeitlang ist Glas Materie zwischen fest und Fluss: umkehrbares, reversibles Aggregat. Ein vierter Zustand. Vor der Tür steht schon wieder die Katze, tick-tack macht sie, wie die Zeit auf der Uhr, und schaut mit den Wolken durch die Scheiben, mir zu, wie ich sie beobachte. Wie Einschlüsse im reinen Quarz sehen sie aus, milchig, mit fettigem Glanz von Bergkristall, wenn er bricht, weil er nicht spaltbar ist, auch nicht nach 15 Jahren, muschelig. Der Tag ist ein Mittwoch, mindestens, ein Verrechnungsscheck, der nun eingelöst ist. Endlich. Nicht umkehrbar.
Dienstag, 11. Februar 2014
Morgen
Er fängt mit dem Magazin an am Donnerstag. Freitag Politik. Am Dienstag kommen Feuilleton und Chancen. Chancen immer nur kurz. Gott sei Dank. Nie Reisen. Vielleicht am Wochenende. Sie würde mit ihm zu Ikea fahren, um eine Knoblauchpresse zu kaufen oder ein Nudelsieb. Vielleicht mag er Nudeln. Zu Ikea fahren Paare mit Zukunft und Plänen. Ob er Nudeln mag? Sie sieht ihm zu, wie er liest. Sorgfältig faltet er das Papier. Gewissenhaft. Redlich. Jeden Morgen. Sie sieht ihm nach durch die zerkratzte Scheibe. Die Türen schließen. Bis zur Brücke, bis er klein wird und sich auflöst im Tag. Bis morgen.
Montag, 10. Februar 2014
Beiläufig
In den Poren des Asphalts glitzert gefrorener Tau wie ein abgegriffenes Bild, das die Erinnerung bemüht an gestern oder die Zeit danach. Ein Aggregatzustand wie verschwendetes Talent, ein blauer Tag ohne Wolken, die sich in den Pfützen spiegeln, in denen Eis Blumen und gelbe Blätter fängt. Darauf könnte ich Geschichten erzählen, sagst du, voll verschenkter Schönheit und flüchtig wie das Herz, das du beim Gehen mit links in den Raureif der Scheibe gemalt hast. Vielleicht erinnerst du dich morgen noch daran.
Sonntag, 9. Februar 2014
Februarsonntag, an dem die Sonne scheint, es nach Frühling riecht und ich augenblicklich aufstehen und meine Sonnenbrille suchen muss
Der Morgen glänzt und schimmert. Althochdeutsch für Blau, das Schornsteine und Regenrinnen leuchten lässt wie die Fenster der Häuser am See. Er sendet Wellenlängen im Intervall zwischen 460 und 480 nm, die in der Nase kitzeln, wenn man nach draußen sieht auf die Straße. Noch schlafen alle. Der Tag ist wach und wie ein Kleid, das zu schön ist, um nicht ausgeführt zu werden. Wie ich. Die weißen Häuser gegenüber, in denen Menschen wohnen, die ich nicht mag, tragen die Konturen noch kahler Bäume auf nackter Haut. Die Sonne seziert mit kühler Grazie und zaubert Scherenschnitte. Voller Ironie und so schön, dass ich ihr verzeihe. Man muss die Augen fast schließen, um zu sehen. Kopf hoch und Augen zu und los. Ganz einfach ist alles! Doch!
Donnerstag, 6. Februar 2014
Vorstellung
NR ist die Abkürzung. Doch, das musste mit reinschreiben. Und irgendwas mit kreativ und unabhängig und selbstbewusst. Aber bloß nicht starke Frau, das klingt wie Übergröße und verzweifelt. Ja, mach ich, nee, alles ok. Mir geht's gut, wirklich. Ja, ich ruf dich wieder an. Versprochen. Ich lege auf. Sie meint's ja nur gut. Gelegentlich überredet sie mich zum Ausgehen. Sie hat ja recht. Hat ja auch Vorteile. Ich nehme dann immer eins von den Streichholzheftchen mit, die auf dem Tresen stehen. Manchmal finde ich die in meiner Jackentasche, und dann komme ich mir vor, als führte ich ein wildes, verwegenes, ruchloses Leben. Im Winter, wenn man muss, zünde ich Kerzen damit an. Nicht oft. Aber weil ich auch nicht oft ausgehe, halten sich Verbrauch und Nachschub die Waage. Würde ich rauchen, müsste ich öfter ausgehen. Weil ich gar kein Feuerzeug besitze. Vielleicht sollte ich anfangen. Ich könnte beim Schreiben versonnen dem Rauch hinterherblicken und mir vorstellen, du würdest mich ansehen, wie ich versonnen dem Rauch hinterherblicke, und du würdest mich ansprechen, um Feuer bitten, obwohl auf dem Tresen Streichholzheftchen stehen, und schön finden und talentiert, weil ich so treffend die Farbe des Rauchs beschreiben kann, der aufsteigt und dem ich versonnen nachblicke und dabei eine treffende Beschreibung seiner Farbe suche. Beiläufig würde ich erwähnen, dass er mich an die Dächer von Paris erinnert, großstädtisch grau, durchzecht, ein Zettel mit einer unleserlichen Nummer als Trophäe, wenn die Bahn wieder fährt. Morgens. Ich war nie in Paris. Aber so muss es sein. Das weiß man doch, nicht wahr? Rauchen tötet. Das Leben auch.
Mittwoch, 5. Februar 2014
Freundliche Mühewaltung
In meinem Auto leuchtet eine kleine rote Schneeflocke von minus zwei bis plus zwei Grad Celsius: Obacht, ich könnte fallen, weiß und unschuldig, aber ich bin nicht von Dauer, bin flüchtig. Ich bin eine dünne Eisschicht. Ich trag dich nicht, du kannst nur schauen. Ein fragiles Schauspiel, das man am besten von Brücken betrachtet. Ein wenig von oben herab. Das ist vorbei jetzt. Auf der Spree schwimmen die letzten Reste Eis. Sie sehen aus wie prosalose Plastiktüten. Dazwischen Wellen. Nichts trägt. Das weiß ich jetzt auch.
Dienstag, 4. Februar 2014
Vis centrifuga
Ich kaufe eine Karte fürs Kettenkarussell. Ich klettre auf den Turm ohne Leiter und dreh mich wie die Welt um dich. Ganz schnell und hoch und Augen zu. Und unter mir nur das Blau zu deinen Füßen. Immerhöherhöchste Zeit. Wenn du fragst, sag ich Ja, ruf ich, und du lachst, als ich lande. Ich wache auf. In meinem Haar klebt Zuckerwatte.
Montag, 3. Februar 2014
Mehr bitte
Ich schaue dem schlafenden Kind mit den müden Augen zu, die blau sind und strahlen, selbst jetzt. Unter der Decke liegen wir wie unter dem grauen tauenden Februarschnee, der das Gras nur noch halb verdecken kann, der bestaunt wurde, als er neu war und da und unberührt und leicht und fein gefallen gefiel. Wie vom Himmel. Heiter. Gefeiert wie Berlinale-Filme, die im Sommer niemand mehr kennt. Einmal Überschwang und roter Teppich und goldener Vorhang und Schlange stehen nach Billets, die du später im Wintermantel findest und dich kaum erinnern kannst, wofür. Eine unbestimmte Erinnerung an ein vages Gefühl. An Glück. Das bleibt.
Sonntag, 2. Februar 2014
quod erat expectandum
tja, was soll man dazu sagen
war ja wohl keine Überraschung
musste ja so kommen
wussten doch alle
war ja klar
sah man doch gleich
sah man kommen
Mensch, nun hab dich nicht so
das Leben geht doch weiter
da musste doch nicht weinen
is doch nich so schlimm
nun reiß dich mal zusammen
bist doch schon groß
haste denn kein Taschentuch
hier, nun putz dir die Nase und geh spielen
lass dich doch nicht so gehn
bist doch noch jung
musst mal unter Leute
kannst dich doch nicht ewig verkriechen
naja, dann eben nicht
schade drum
versucht hamwas zumindest
komm
war ja wohl keine Überraschung
musste ja so kommen
wussten doch alle
war ja klar
sah man doch gleich
sah man kommen
Mensch, nun hab dich nicht so
das Leben geht doch weiter
da musste doch nicht weinen
is doch nich so schlimm
nun reiß dich mal zusammen
bist doch schon groß
haste denn kein Taschentuch
hier, nun putz dir die Nase und geh spielen
lass dich doch nicht so gehn
bist doch noch jung
musst mal unter Leute
kannst dich doch nicht ewig verkriechen
naja, dann eben nicht
schade drum
versucht hamwas zumindest
komm
Freitag, 31. Januar 2014
Kommode
Manchmal öffne ich die Schublade. Ganz hinten in der Ecke unter anderen Gedanken liegt ein schöner. Er hat einen weißen gezackten Rand wie alte Bilder in falschen Formaten zwischen Seiten aus hellgelber Pappe, die Spinnennetz-Pergamentpapier trennt. Manchmal hole ich ihn hervor, betrachte ihn, als wäre er ein Tier in einem Terrarium, vertraut nur mit mir, an mich gewöhnt aus Beständigkeit, das ankommt, wenn ich vor der Scheibe stehe und sachte klopfe. Der Gedanke ist nicht groß, vielleicht wie ein Herz, das Platz hat für mich. Von dort schreibe ich Ansichtskarten und stelle mir vor, dass du zum Briefkasten gehst, den Schlüssel umdrehst und die Augen schließt, weil du plötzlich Angst hast, er könnte leer sein, wie du dir Mut zuredest und Ausreden und Entschuldigungen erfindest für die Leere, die du fürchtest. Das denke ich dann in meinem Gedanken. Vorsichtig falte ich ihn wieder zusammen, stecke ihn in seinen Umschlag und lege ihn zurück, ganz hinten in die Ecke.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Cha-Cha-Cha
Bis zum ersten Stock rankt Efeu. Nun muss die Sonne die Lücken suchen, will sie durchs Fenster, um Streifen zu zeichnen im Zimmer dahinter auf dem Parkett im Halbschatten helllichter Tage. Da bin ich gern, im Halben irgendwie ganz. Als würde ich unter der Chaiselongue liegen bei einem Tanztee und die Füße der anderen bei ihren Gedanken belauschen, im Zwielicht, bei Chassé auf 4 und 1. Efeu ist ein altruistisches Gewächs. Aber das weißt du ja.
Mittwoch, 29. Januar 2014
Oxidationsprozesse
Ich habe eine alte Sorte erwischt. Mit Stellen. Die Schale kommt ab. Schuldbewusst, jaja, ich weiß das mit den Vitaminen. Trotzdem. Ich bin auf der Suche nach der Kindheit. Apfelstückchen in Plastiktüten schmecken danach, nach Freibad, Hofpause mit Ausgang um das Rasenquadrat, nach Wandertagen in Zweierreihen und Zugfahrten nach Leipzig, zu Tante Luzi und Onkel Hellmuth mit der bangen Frage, wann fahren wir wieder nach Hause. Später nach Abiturklausuren, nach unglücklicher Liebe, Allgemeinbildung, Kabale und Schiller im Schreibtisch. Äpfelsäure ist eine chemische Verbindung aus den Gruppen der Dicarbonsäuren und Hydroxycarbonsäuren. Der Duden kennt sie nicht. Ich sitze im Bett mit einem Obstteller für das Kind und einem Buch mit Bauernhoftieren, die Kinder lieben, obwohl nur aus Büchern. Sie pickt die Mandarinchen wie Rosinen, ich die nackten Äpfel. Erinnern heißt auswählen. Sagt Grass. Das Leben ist wie Literatur, die darauf wartet, geschrieben zu werden, bevor es braun und mehlig und weich wird von der Zeit.
Bald bin ich so alt wie Dungeons & Dragons.
Bald bin ich so alt wie Dungeons & Dragons.
Dienstag, 28. Januar 2014
Man sollte
Hinter den Häusern wird der Himmel langsam und rosa zum Tag. Eher sachlich und kühl soll er werden, nicht kalt. Im Schnee von gestern, der brav die Januarschuld einlöst, kann man Spuren hinterlassen, wo noch niemand war. Man sollte Aufkleber drucken mit Poesie und sie an Laternenpfähle kleben, ganz oben, wo noch niemand war und wo kein Mensch hinkommt, der nicht das Ziel kennt. (Psst, das verrate ich dir.) Ganz oben an der Laterne, noch über dem Leuchten, ist man dem Himmel näher. Mathematisch korrekt und neorauchgrau fallen Flocken.
Montag, 27. Januar 2014
Hypothetischer Imperativ
Hmmm, ich weiß nicht. Besser nicht. Oder doch? Was meinst du, soll ich wirklich? Ach, mach es einfach so, wie du denkst. Ja, aber was denn? Jetzt sag doch mal, sag mal. Duhu, sag mal. Du wirst ganz bestimmt das Richtige tun, da bin ich ganz sicher. Ja, aber was denn nun? Und wenn nicht? Sag doch mal...
Ich hab dich auch lieb.
Ich hab dich auch lieb.
Sonntag, 26. Januar 2014
Meine Rache an Pankow ist das Glück
1100 Berlin, Mendelstraße 43, 2. Stock im Hinterhaus. Blick über Kleingärten, auf Freibad und Sprungturm. Die Sommer der Kindheit müssen grün sein, frisch wie der Mai, weil man doch jung ist, und blau und weiß, denn die Wolken am Himmel sind von Tübke: Sie verkünden die Zukunft, die wir bauen. Im Treppenhaus tanzt
Staub. Hurtig/Fritzsche haben wieder nur gefegt, aber nicht gewischt. Sagt Herr Kohne. Der weiß sowas, und dass Teppichklopfstangen Volkseigentum sind und nicht dafür da, daran Schweinebaumeln zu machen. In meinem Zimmer kann ich hören, wie
Herr Kohne schimpft und das Wasser in der Sonne glitzert. 10 Meter sind wie Schweinebaumeln am Volkseigentum von Herrn Kohne. Ich bin 9 oder 8 und nicht sehr mutig. Letzten Sommer fragten meine Söhne: Biste eigentlich schon mal von 'nem 10er gesprungen? Wir fahren eine Stunde durch Berlin. Pankow sieht jetzt anders aus. Das Haus ist jetzt sehr hübsch. Es gibt jetzt ein Klingelschild. Für Vorder- und Gartenhaus. Darauf steht niemand, der mich noch kennen würde. Die Bäume sind gewachsen. Die Zukunft, die wir bauen, ist 30 Jahre her. Dem Turm fehlt die letzte Plattform. Sie ist auch weg. Seit Ende 2004 gibt es neue europaweite Normen für Sprungtürme. Ist ja nur 'n 7er. Springste trotzdem? Als ich zur Decke zurückkomme, sagen sie: Cool, Mami. Ja, finde ich auch.
Staub. Hurtig/Fritzsche haben wieder nur gefegt, aber nicht gewischt. Sagt Herr Kohne. Der weiß sowas, und dass Teppichklopfstangen Volkseigentum sind und nicht dafür da, daran Schweinebaumeln zu machen. In meinem Zimmer kann ich hören, wie
Herr Kohne schimpft und das Wasser in der Sonne glitzert. 10 Meter sind wie Schweinebaumeln am Volkseigentum von Herrn Kohne. Ich bin 9 oder 8 und nicht sehr mutig. Letzten Sommer fragten meine Söhne: Biste eigentlich schon mal von 'nem 10er gesprungen? Wir fahren eine Stunde durch Berlin. Pankow sieht jetzt anders aus. Das Haus ist jetzt sehr hübsch. Es gibt jetzt ein Klingelschild. Für Vorder- und Gartenhaus. Darauf steht niemand, der mich noch kennen würde. Die Bäume sind gewachsen. Die Zukunft, die wir bauen, ist 30 Jahre her. Dem Turm fehlt die letzte Plattform. Sie ist auch weg. Seit Ende 2004 gibt es neue europaweite Normen für Sprungtürme. Ist ja nur 'n 7er. Springste trotzdem? Als ich zur Decke zurückkomme, sagen sie: Cool, Mami. Ja, finde ich auch.
Samstag, 25. Januar 2014
Vintage
Als ich so alt war wie sie, hatte ich ein Kaleidoskop, ein Fernrohr aus roter Pappe mit einem Boden aus milchigem Glas. Und darin waren lauter Juwelen und Schätze. Es mussten so viele sein, denn immer sahen die Mosaiken anders aus. Ich war unendlich reich. Grüne Smaragde und blaue Saphire und Goldstücke und Rubine. Ich saß alleine im Flur, der war lang, schmal und dunkel, wenn man alle Türen schloss. Dann war der weinrote Teppich ganz vornehm, und die Lampe war ein leuchtender Stern oder Mond. Jedenfalls keine Sonne, denn dann wäre es ja ganz warm, aber der Flur hatte gar keinen Ofen. Und würde ein Ritter kommen, so wäre der Glanz seiner Rüstung bestimmt zu hell für den kleinen dunklen Flur. Das wussten auch die Ritter und blieben darum fern. Und außerdem war ich ja gar keine Prinzessin. Das hatte Lars gesagt. Manchmal bin ich traurig. Dann brauche ich das Kaleidoskop nicht. Dann weiß ich, dass Lars recht hat. Und die Schätze sind ja sowieso nur Plastik. Und der Mondstern hat ein Blumenmuster, das hässlich ist und jetzt wieder modern.
Freitag, 24. Januar 2014
Holzmarktstraße 66, Reklame
Mein Lieblingsort ist provisorisch wie ein Seniorenstift. Er sammelt das Leuchten verschwendeten Talents, das Früher vergangener Buchstaben. Er ist ein großer melancholischer Ort, ein Museum fraktaler Lyrik und Weisheit: Friert man Worte tief, so kann man sie zerschneiden wie Kartoffelsuppe in kleine Portionen für den täglichen Bedarf, die sich aufwärmen lassen in einem neuen Topf und die dann berichten von dem, was sie einmal erzählt haben. Ich komme zu Besuch, bringe Kuchen mit und Zeit und rede gar nicht viel, sondern höre mir die Geschichten der alten Leute an.
Donnerstag, 23. Januar 2014
Aufbruch
Er trinkt seinen Kaffee ganz schwarz. Und manchmal sieht er von seinem Buch auf und lächelt. Ich kenne ein paar seiner Freunde beim Namen, und manche Mädchen mag ich sehr. Ich würde sie allesamt siezen in ihrer Jugendlichkeit, so schön und klug und begabt sind sie. Ich weiß nicht mehr viel über sein Leben, aber manchmal sitzen wir zusammen in der Küche am Tisch und lachen wie früher. Ich weiß, er trinkt seinen Kaffee schwarz. Manchmal nimmt er mich in den Arm, und ich lehne meinen Kopf an seine Brust. Er nennt mich Mutter, und dann küsst er mich auf die Stirn und sagt: Alles wird gut.
Mittwoch, 22. Januar 2014
Ach Schnee
Der Januarmittwochmorgen zeigt die kurze Zeit der Schönheit einer monochromen Welt. Schneeschieber auf Kopfsteinpflaster klirren kalt und metallen. Das Geräusch weißer Stille. Winter in der Stadt ist wie französischer Rap.
Ach ja, wem's gefällt...
Ach ja, wem's gefällt...
Dienstag, 21. Januar 2014
Kondensgestreift
Dienstags bin ich eine alte Frau. Ich habe keine Eile und denk mir aus, wie es ist, ein Kind zu sein, ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen. Dann liegt der Tag noch vor mir. Darf ich bitten? Dann muss ich aufstehen. Aber nicht heute. Ich bleib einfach liegen. Augen zu. Ich mag heut nicht die Ecken sehen, in denen Spinnweben hängen. Die sind noch von gestern. Meine Decke über dem Kopf ist blau und weiß liniert wie ein früher Sommerhimmel. Und ich trinke Milch, die ist süß, und ich bin flink, damit sich keine Haut bildet. Heute muss ich nicht tanzen...
Montag, 20. Januar 2014
Hessische Straße
Mein Zahnarzt hat seine Praxis im dritten Stock eines alten Hauses in einer alten Straße in Mitte. Es gab eine Zeit, da lag sie am Rand meiner Stadt. Sitzt man im Behandlungsstuhl, blickt man durch alte Doppelfenster, die alter Kitt im Rahmen hält, in die Krone eines alten Baumes. Es ist November und der Baum schon kahl. Die Sonne scheint schon um drei Uhr nur noch beinah. Der Baum ist schwarz vor grauem Himmel. Über dem Zahnarztstuhl hängt die künstliche Sonne von der Decke mit Stuck aus einer anderen Zeit. Sie scheint auf Kronen. Manchmal aus Gold. Und auf Gedanken, denen man nicht entkommen kann, weil der Kopf sie als Erinnerung festhält. In den alten Fensterrahmen hält der alte Kitt alte Scheiben. Früher, als die Erinnerungen noch Pläne waren und Träume, gab es solche Scheiben oft. Die hatten Fehler, Schlieren, waren uneben, nicht ganz plan. Pockig wie das Land. In der linken Scheibe bricht eine Blase das Licht wie eine kleine Glaskugel. Bewegt man den Kopf, fängt die Welt dahinter an zu schwimmen. Planlos. Die Welt hinter Glas. Am Rand. In meiner Schule sahen wir durch solche Fenster in das Land. Im Unterricht, der langweilig war, konnten wir fliehen, es genügte ein Nicken, ein Blinzeln, ein Augenblick. Die Kunst liegt im Wechsel der Perspektive. Der Makel muss zum Zentrum der Betrachtung werden, bis er unsichtbar wird: Beweg den Kopf, langsam, bis der Hintergrund gnädig wird. Eine Gabel im Geäst, nur blau wie im Musikraum ganz oben oder strauchgrün wie im Werkenkeller, in dem wir bei Herrn Sasse Kakteenständer basteln mussten oder Schlüsselanhänger. Aus rotem Kunstleder. Mit Liebe. Die Kopfbewegungen verraten mich. Na, wo sind wir denn gerade? Weg.
Sonntag, 19. Januar 2014
In der Mitte ein weites Feld
Der Mariannenplatz ist wie eine Tochter mit zwei Brüdern, die die Stufen auf und ab hüpft im Kreis. Blond und wild wie der Himmel zwischen den Türmen des alten Hauses, der immer nach Gewitter aussieht, als würde etwas kommen, das man erwartet, von dem man jedoch nicht weiß, wann. Auf und ab im Kreis. Wie Geschichte.
Samstag, 18. Januar 2014
Stimmt so
Tiere füttern im Görlitzer Park ist wie Tauben vergiften bei Kreisler. Beides macht nur Vergnügen mit Abstand, Distanz, ohne Mütze, die selbstgefilzt und kratzig auf Kinderköpfen hockt als Statement und gegen die Kälte des sonnigen Sonnabendmittags. Vielleicht auch keine Taube sein. Lieber zuhören. Beflissene Eltern fragen ihr Kind mit eindeutig deutschem Akzent: What do you think about having lunch, Kasimir? Städter erklären ihren Stadtkindern Natur, ich auch. Am Beispiel von Eseln, die man nicht mehr füttern darf. Am Zaun steht: Diät. Meinem Kind ist's egal, wir schaun lieber Hühner. Gebraten sehen die später wie Fischstäbchen aus und stehn auf der Kinderkarte im Edelweiß. Davor scheint die Sonne, und zwei Stühle sind frei mit Blick auf die Wiese und lauter Gedanken. Wenn man zuhört, nicht taub ist, erfährt man die Wahrheit: In zehn Jahren werdet ihr es akzeptieren, wenn ihr Glück habt, sogar realisieren. Ich schwöre euch, ehrlich. Wer ist bloß Mach 1? Er soll cooler sein als Kay One. Das sagt der Typ vor der Wiese. Der muss es ja wissen. Der hat's voll drauf. Ey, ich bin 32 und seit 2004 hier. Ein anderer breitet eine Decke aus und auch seine Arme, er geht herum und fragt: Hat vielleicht jemand mal 'n bisschen Musik? Du kannst doch dein Handy hier zu mir legen. Eher nein. Ich tanz auch für euch. Ich höre lieber dem Typen zu, der zu ist und philosophiert, denn er war zuerst da, und er hat recht. Mein Kaffee ist schwarz, ohne latte und Schuss. Auch das ist ein Statement, eine Aussage, logisch. Ich zahle, geb Trinkgeld für die grandiose Aussicht vom Berg. Zum WC im ersten OG, vorbei an Glaube, Liebe und Hoffnung. Mehr Wahrheit geht nicht am Samstag um 1 im Görlitzer Park, ich schwöre.
Freitag, 17. Januar 2014
Das mittlere Kind
Im grauen Ohrensessel der Zeit sitzt er und lächelt - ein wenig müde noch - in den Freitagmorgen hinein. Er sagt, mir ist kalt, und ich decke ihn zu mit grauer Wolle, die wärmt seinen Bauch. In ihr sind Geschichten, verknüpft zur Geschichte des Tages, der anfängt, aus Nacht wird zum Jetzt. Eine Minute noch, sagt er, ach bitte, und reckt sich, wie die schwarzweiße Katze, die ich nicht mag. Die schaut durch die Scheibe und weiß so viel mehr. Denn sie nimmt auch die Wege, die wir gar nicht sehen, durch den Garten, das Jahr und den Tag. Husch, husch, sag ich, und sie springt davon. Er steht auf. Los geht's, alles beginnt.
Donnerstag, 16. Januar 2014
Leihgabe
Die Hoffnung stirbt, wenn auch zuletzt, wenn niemand mehr glaubt und die Liebe verloren scheint wie die Zeit. Wenn niemand mehr sucht, bleibt nur Hoffnung, gefunden zu werden. Im Dunkeln, weil dort alle blind sind. Schwarz ist die Nacht wie Süßholzlakritz, das gute, das den Blutdruck treibt wie beim Verliebtsein: Zwei finden sich im Glauben an Schicksal und Zeit, deren Lauf sie verschlingt. Liebst du? Mehr als sehr!
Mittwoch, 15. Januar 2014
Bernd nicht
Der Himmel sieht aus wie gelungener Kunstunterricht. Voller Wahrheiten. Wir fangen mit dem Hintergrund an. Ein Pinsel ist kein Filzstift. Schwarz und Weiß haben auf einem Bild nichts zu suchen, wir sind ja keine Anstreicher, sagt Frau Schmidt, wer die Wolken weiß und den Nachthimmel schwarz malt, der schaut nicht richtig hin. Weißundrotundgelb macht Hautfarbe. Und Schwarzundrotundgelb unsere Fahne, die wir aber nicht malen sollen, weil das mit dem Werkzeug und den Pflanzen in der Mitte und dem Pinsel in der 2. noch zu schwer ist. Dafür ist später noch genug Zeit. Frau Schmidt mag die Natur lieber als Fahnen. Frau Schmidt hat einen praktischen Busen. Darauf kann sie die Bilder, die gelungen sind, ablegen und loben. In der 4. Klasse kommt Frau Bering. Frau Berings Figur ist attraktiver, aber sie ist für den Kunstunterricht weniger geeignet. Frau Bering ruft nach vorne. Auch sie erklärt Gelungenes und den Rest am hochgehaltenen Bild. Frau Bering wählt nach objektiven Qualitätsmaßstäben. Und die gelungenen Kinder werden sehr erfahren im Hochhalten. Einmal, das Thema der Stunde lautet "Mutti bei der Arbeit", darf auch Bernd nach vorne. Bernd saß ganz vorne, rechts vom Lehrertisch. Freiwillig sitzen dort nur die Streber. Bernd saß nicht freiwillig dort. Seine Mutter arbeitet bei der Eisenbahn, glaube ich. Wir wussten nicht viel über Bernd. Bernd hat eine schöne schwarze Lok gemalt, fastnachtschwarz, mit Blau drin und Schornstein und großen Rädern. Davor steht seine Mutter. Sie hat ein rotes Kleid an und blonde Haare, damit man sie besser sieht. Bernd darf nach vorn. Bernd hat alles richtig gemacht. Bernd darf nach vorn, vor die Klasse, die er sonst nur im Rücken hat. Wir kannten ja nur seinen Hinterkopf. Bernds Haare sahen immer aus wie ein leeres Vogelnest, verlassen. So, als würde ihm nicht oft jemand über den Kopf streichen. Denn der hätte das dann doch merken müssen und ihm einen Kamm gereicht. Bernd geht nach vorn und dreht sich zur Klasse, er lächelt verlegen und stolz auf sein Bild, das er hochhalten darf, und die Klasse kichert und fängt an zu lachen und lacht und hört nicht mehr auf. Frau Bering ruft "Ruhe", und Bernd ist ganz still. Nur zwei Tränen laufen ihm über das Gesicht, wie die Lok über das rote Kleid.
Dienstag, 14. Januar 2014
Auskunft
Ich habe ein Telephon. Einen Apparat. Schwarz und schwer. Niemand ruft an. Niemand hat die Nummer. Weil ich sie für mich behalte. Manchmal hebe ich den Hörer ab und lausche ins Nichts. Weltraumleere wie in einer Muschel am Strand. Oft schaue ich ihn nur an, den Apparat. Und stelle mir vor, wer alles anriefe, wäre der Anschluss bekannt. Dann schließe ich die Augen und mein Herz im Zimmer ein. Im Dunkeln fühle ich mich weniger einsam, weil ich nicht sehe, dass ich allein bin. Am anderen Ende die Welt. Ich könnte hinein, wenn ich wollte. Hinaus in den Raum. In die Leere. Zu den anderen.
Montag, 13. Januar 2014
Epopöe auf Parkdeck D: Germanisten raten zu Konsonantenverdopplung bei Autoren-Workshops
Natascha, ruf ich, kauf ein Ö! Zwischen Potsdam und Siegen fehlt Poesie! Mit Kleingeld und Großmut zu Schlemihl ums Eck, was haste zu bieten, fragt dieser sie keck. Natascha holt aus und bietet im Tausch ihr A für sein Ö im Mantelversteck. Herr Schlemihl addiert und lüpft kurz den Hut, lehnt ab, sagt nein, danke. Ein A ist nicht gut, zu inflationär, zu häufig, verbraucht: Ja, Aber und Amen, Jaja und Aha - akademisch-artistisches Trallallala. Das A wiegt zu leicht, denn ein Ö macht sich rar. Enöff is enöff, ade, l'art pour l'art. Der Markt macht den Preis, sagt Herr Schlemihl zum Tausch. Mir fehlt nur ein N, seufzt der Autor, der lauscht. Natascha rät zu gebuttertem Fisch, sagt: Autor, nun trau dich, fahr endlich das Rennen, wage das Leben, und gönn dir ein NN.
Sonntag, 12. Januar 2014
Silvesterreste
Das Jahr ist nun zwölf Tage alt, der Januar fast halbiert. Die guten Vorsätze sitzen wie die Freundin der Schönen beim Tanze. Ohne Aufforderung noch. Doch mit geraden Rücken und Prinzip, aufrecht und wartend. Sie leuchten matt im Glanz der Schönen, wie die Perlzwiebeln, die beim Silvesterfondue übrig geblieben sind. Sie hoffen auf ihre Zeit, die rennt, bis sie verloren ist und mit Getöse untergeht. Am Ende Proust und wortreich Prost: Es möge nützen, Mademoiselle Oignon Grelot. Zu gut noch zum Entsorgen. Und so schenkt Silberfolie Gnade. Eine Frist. Elf Monate oder zwei Wochen, ein, zwei Tage oder zwölf. Gekühltes Warten auf Erlösung: Der Januar erfrischt noch ohne Kälte. Fast Frühling in den Zweigen, Saft. Es hat geregnet in den letzten Nächten, und an den Geländern perlen Tropfen, silbrig, träge, ohne Last. Sie tragen die Wahrheit als Zeugen der Taten, die geschehen sollten. Janus' Vortrag der Gewinne und Verluste auf ein neues Konto. Mit Tamtam. Und Feuerwerk. Das Jahr ist neu. Die Schulden bleiben. Und auch die Schuld, der Vorsatz, bleibt. Denn Dolus verkörpert die Täuschung. Er drückt Dein Auge zu, bis Tränen kommen. Er häutet die Zwiebel gekonnt. Der Schein ist schön, die Freundin tanzt. Darf ich bitten? Einen Versuch ist's wert. Nun denn, wohlan!
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